Einladung zur Eröffnung in der Schleuse:
Nadja Büttner »Linien und Fläche«
am 9. Dezember 2018 um 16 Uhr

Einladung zur Eröffnung in der Schleuse:<br/>Nadja Büttner »Linien und Fläche« <br/>am 9. Dezember 2018 um 16 Uhr

Ein schwarzes Objekt, formal den Dimensionen und Anmutung eines Gemäldes entsprechend, hängt an der Wand. Unter der Oberfläche des gespannten Stoffes der „Leinwand“ zeichnen sich topografische Strukturen ab. Die unterschiedlich schnellen Bewegungen der Objekte unter der Oberfläche machen die Installation zu einer Landschaft von Latenzen, versetzen die starre schwarze Oberfläche in Schwingung. Nadja Büttners kinetische Installation trägt den Titel „Vibrating Potential (between Idea and Fact)“. Dieser geht auf ein Konzept des Physikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg (1901-1976) zurück, der die Quantenmechanik mitbegründete. „Zwischen Idee und Faktum“ oszilliert nach Heisenberg ein Teilchen, wenn es unbeobachtet ist. Heisenberg führt das Bild eines existentiellen Schwebezustands ein. Nadja Büttner schafft eine Installation, deren Form in der Schwebe verbleibt und Fragen nach der Wahrnehmbarkeit einer tatsächlichen Realität aufwirft.

Eine fragile, wie eingefroren wirkende Skulptur: „Memorial Walk“. Eine Leine, stofflich und doch starr, schwingt sich mit samt immer neuer Verknotungen in die Höhe. An der Spitze der aus Bronze gefertigten Skulptur thront ein glänzender Haken. Mit „Memorial Walk“ bezieht sich Nadja Büttner auf das 2016 erschienene Buch „Gegen den Hass“ der Friedenspreisträgerin Carolin Emcke. Büttner interessiert dabei vor allem, wie sehr individuelle Erfahrungen in der eigenen Vergangenheit die Wahrnehmung der Gegenwart beeinflussen. „Memorial Walk“ könnte man als ein Monument unserer nicht immer gradlinigen Biografie begreifen und obwohl sie so fragil ist, dass schon ein leichter Luftzug oder ein allzu lauter Schritt eines Passanten sie in Schwingung zu versetzen vermag, bildet sie doch das Fundament und den Filter über und durch den wir unsere Umwelt tagtäglich wahrnehmen.

In verzweifelter Lage nicht aufzugeben: Davon handelt auch Werner Buschs Gedicht „Der humorvolle Vogel“: „Es sitzt ein Vogel auf dem Leim, / er flattert sehr und kann nicht heim. / Ein schwarzer Kater schleicht herzu, / die Krallen scharf, die Augen gluh. / Am Baum hinauf und immer höher / kommt er dem armen Vogel näher. / Der Vogel denkt: Weil das so ist / und weil mich doch der Kater frißt, / so will ich keine Zeit verlieren, / will noch ein wenig quinquilieren und lustig pfeifen wie zuvor. / Der Vogel, scheint mir, hat Humor.“ Nadja Büttners Skulpturenserie „Birds Lamento“ bezieht sich im Titel auf dieses Gedicht. Büttners Vogelskulpturen erinnern bewusst an die dürren „Schreitenden“ von Alberto Giacometti. Rätselhafte Feder-Clips sind auf zwei Holzstelzen befestigt. Sie entziehen sich einer allzu schnellen, eindeutigen Zuordnung. Die Skulpturen fußen auf schwarzen Parsolglasplatten, die an die glatten Oberflächen unserer mobiler Dauerbegleiter erinnern. Büttner entwirft ein skulpturales Zwitterwesen, das Diskursangebote in viele Richtungen eröffnet und einen zynischen Blick auf die Fragestellungen unserer Zeit wirft.

Nadja Büttners Skulptur „Linien und Fläche“ scheint auf den ersten Blick ohne explizite inhaltliche Referenzen auszukommen, lehnt sich jedoch einmal mehr an die Latenzräume unserer Wahrnehmung an. Dem Betrachter bietet sich ein komplexes Gewirr aus übereinandergelegten verschieden starken, verkupferten Stahlstäben. Eine Fläche definiert sich durch ihre Grenzen. Eine Linie die sie umrahmt. Je nach Blickwinkel schließen die Linien Flächen ein oder öffnen sie. Dabei verschwindet die Fläche und die Linie tritt in den Vordergrund. Bewegt man sich selbst vor der Skulptur, verändert man seinen Standpunkt, so verändern sich auch die wahrnehmbaren Flächen. Diese dynamische Struktur gewinnt im Schattenwurf an der Wand eine weitere Dimension die den „Standpunkt“ der Beleuchtung mit einbezieht.

Stonehenge ist das wohl berühmteste Bauwerk der Steinzeit und befindet sich in der Nähe von Amesbury in Wiltshire, England. Daran angelehnt, hat Nadja Büttner ihre jüngste, raumgreifende Arbeit „Stoneheads“ betitelt. Etwa 30 massive Steinwürfel hängen in unterschiedlicher Höhe, die an durchschnittliche Körpergrößen angelehnt ist. Der Betrachter ist eingeladen, die Installation zu durchqueren. Er begegnet dem Werk also buchstäblich auf Augenhöhe. Die Installation hält uns gezielt davon ab, der weltlichen Realität zu entfliehen. Sie fordert unsere volle Aufmerksamkeit. Ablenkung liegt Büttner fern. Vielmehr eine Fokussierung auf das Vorhandene, Reale, das Unvermeidbare schafft sich eindringlich seinen Raum. So wie die Funktion von Stonehenge bis heute nicht klar ist, besteht auch „Stoneheads“ nicht auf einer erzählerischen Lesart. Dennoch lässt der Parcours einen Moment an unsere politisch-gesellschaftlich polarisierte Gegenwart denken, in der es nicht leicht ist, Betonköpfen aus dem Weg zu gehen.
Text: Eugen El

 

Am Sonntag, 9. Dezember 2018, wird die Ausstellung „Linien und Fläche“ von Nadja Büttner in der Schleuse der Opelvillen um 16.00 Uhr eröffnet. Bis zum 6. Januar 2019 kann die Schau anschließend dort besichtigt werden.
Die 1987 geborene Künstlerin studierte von 2012 bis 2014 an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Seit 2015 studiert Nadja Büttner an der Frankfurter Städelschule bei Tobias Rehberger.

Zur Eröffnung laden wir Sie herzlich ein, der Eintritt in die Schleuse ist wie immer frei!