Julian Heuser
»Was reimt sich auf Opel?«

3. November bis
1. Dezember 2019

Kaum eine Gattung wird so sehr mit einer »Authentizität« des Pinselstrichs, der die Spur künstlerischen Temperaments transportiert, verbunden, wie die Malerei. Was aber geschieht, wenn sich die Malerei ins Digitale bewegt? Wenn sie numerisch wird, reproduziert aus Nullen und Einsen, die klare Unterscheidungen treffen, wo traditionellerweise Nuancen und Schattierungen den Ton angeben?

Julian Heuser geht in seinen digitalen Malereien den Zwischenräumen technischer Kalkulierbarkeit nach, in denen sich der digital gezogene und maschinell (re)produzierte Strich zu verhalten beginnt, statt eine vorbestimmte Bahn auf dem Display zu verfolgen. Auch das (Re-)Produktionsmedium des Druckers bringt seinen Duktus mit. Vor allem die Transformation digital erzeugter Weißtöne zeigt sich unberechenbar: Wird hier keine farbliche Brechung im Weiß erkannt, so resultiert dies in Auslassungen im Druck, die die von Hand grundierte Leinwand freistellen – und mit ihr auch den Strich des Künstlers. Dennoch ist Heusers Arbeit nicht als Bestätigung, sondern als Hinterfragung der Bedeutung künstlerischer Handschrift im engeren Sinne zu lesen, bleibt es doch dem programmierten Ablauf überlassen, wo und wie die hybride Faktur sich zeigt.

Auch das Spiel mit Bildausschnitten, die zu eigenständigen Kompositionen weiterentwickelt werden, gewinnt an Bedeutung. Die stetig neu zu variierende Version ist dabei als ein Original im Plural zu verstehen, das seine Einzigartigkeit weniger aus der Herkunft aus der Hand des Künstlers herleitet als aus der Besonderheit der Kontexte, in denen es entstanden ist und sich zeigen kann. Fällt bei einer digitalen Arbeitsweise die Notwendigkeit, zum Malen ins Atelier zu gehen, weg, verändert sich der Rhythmus des Bildes. Inwiefern sich die wechselnde Umgebung auf den Malprozess auswirkt, wie die Haltung Geste und Strich beeinflusst oder der abwechselnde Blick auf Bildschirme unterschiedlicher Medien wie Smartphone oder Tablet, die Wand und deren unterschiedliche Rahmungen und Formate, das analoge Hin- und Zurücktreten die Funktionen des Zoomens und Freistellens ergänzt –  all dies ist Teil der Untersuchung.

Es ist Verunsicherung, die Heuser provozieren will. Doch geht es nicht um den reinen Effekt, den die Virtuosität der Maschine produziert, um uns optisch hinters Licht zu führen und Reproduziertes wie Reproduzierfähiges vorzusetzen, wo wir das original Handgemachte vermuteten. Der Reflexionsprozess führt über fortgesetzte Versuche, möglichst genau zwischen Gedrucktem und »in echt« Gemaltem zu unterscheiden, hinaus.

Das Malen ist für Julian Heuser wichtig als Prozess, in dem räumliche Irritationen zu reflexiven

»Abstandhaltern« werden. Sie bringen uns in Distanz zu unserem Wunsch, Digitales und Analoges auseinanderzuhalten, und werfen die Frage auf, weshalb uns dies eigentlich so wichtig ist und ob es dies weiterhin sein sollte –  ohne die Antwort vorwegzunehmen. Die Entscheidung, wann ein Bild fertig ist, wo es innehält und weitergeht, verkompliziert sich, da sie vom Künstler stets im Unwissen darüber gefällt werden muss, wie Grundierung, Bildträger und Druck aufeinander reagieren. Heuser malt mit Zeitverschiebung. Zwischen analogen und digitalen Arbeitsschritten kann ein Jetlag entstehen, der die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Orten, Zeiten und Produktionsweisen verschiebt. Er kann produktive Störungen im Rhythmus des Sehens bewirken, der uns das Verhältnis zwischen einem wahrgenommenen Vorher und Nachher sowie verschiedenen medialen Sphären der Bildproduktion neu sehen lässt.

Analoge Stellen lassen die Illusion der digitalen Striche beinahe perfekt erscheinen. Sie lassen das Digitale in der Menge untertauchen und sich tarnen, bis es letztendlich nicht mehr auffindbar ist. Auch wenn der innere Konflikt, wann der analoge Farbauftrag nun stattfinden muss und wann eben nicht, die Spannung unter der Oberfläche des Bildes aufrechterhält, findet die eigentliche Arbeit im Digitalen und im Kopf statt.

Text: Ellen Wagner

 

Der 1986 geborene Julian Heuser studiert seit 2015 an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Seine Einzelausstellung  Was reimt sich auf Opel? wird am 3. November 2019 ab 16 Uhr mit einer Rede von Ellen Wagner eröffnet. Zur Vernissage in der Schleuse laden wir Sie herzlich ein!

 

Bildnachweis: © Julian Heuser