Pia Ferm »Weight of the Walls«
Nur noch bis Sonntag in der Schleuse!

Seit dem 10. Dezember ist Pia Ferms Ausstellung »Weight of the Walls« in der Schleuse der Opelvillen zu sehen.

Sie beschäftigt sich hierin mit den Wände an sich und deren Beziehung zu den ausgestellten Kunstwerken. Carina Bukuts beschreibt dies wie folgt:

“Die Wand ist das tragende Element einer jeden Architektur. Sie gliedert einen Grundriss und schafft Strukturen, wo vorher keine waren. War die massive Wand in der Romanik eines der prägnantesten Elemente des Baukörpers, sollte die Gotik diese auflösen. Sie durchbrach die festungsartigen Mauern mithilfe von großen, vertikalen Fenstern, die der Architektur ein Gefühl von Leichtigkeit vermitteln sollte.

In der Schleuse der Opelvillen Rüsselsheim erkennt die schwedische Künstlerin Pia Ferm eine ähnliche Monumentalität wie sie Sakralbauten zugeschrieben wird. Der dunkle, steinerne Boden wird durch eine Bank in der Mitte in zwei unterschiedlich hohe Ebenen zerteilt. Es entsteht eine Achse, die die Vertikalität der Schleuse betont und dadurch die beiden Wände als Antagonisten positioniert. Die Bank muss sich auch selbst als architektonisches Element behaupten, indem sie den Abstand verringert, den der Betrachter zu den Werken an den Wänden einnehmen kann. Folgt man der Blickachse so führt diese, ähnlich einer Kirche, zum Licht. Auf beiden Seiten finden sich am Ende des Ganges Fenster, die den Blick nach draußen freigeben. Diese dramatisch anmutende Dramaturgie ist der Ausgangspunkt für Pia Ferms Ausstellung Weight of the Walls.

In der traditionellen Vorstellung von Bildhauerei scheint es abwegig, Arbeiten an einer Wand zu zeigen. Es ist die Malerei, die das Privileg der Wand genießt. In ihrer Flächigkeit liegt die Notwendigkeit von einer weiteren Fläche getragen zu werden, damit die Malerei ihre Wirkung vollends entfalten kann. Auch die Arbeiten conversation und half profile möchten von einer Fläche, einer Wand, getragen werden. Den Teppichen würde es nicht genügen auf dem Boden zu liegen, und damit einer Funktionalität zugeschrieben zu werden. Sie wollen als Bild betrachtet werden. Gleichwohl die abstrakten Formen und Linien an das gestische Potential der Malerei denken lassen, bleiben Pia Ferms Wandteppiche nie nur ein Bild. Indem die Künstlerin die Teppiche an die Wände des Ausstellungsraums hängt, zwingt sie den Betrachter dazu, den Arbeiten frontal gegenüber zu stehen und damit ein Begehren auszulösen. Das Begehren nach einer Berührung. Während es oftmals genügt, wenn das bloße Auge den Gegenstand abtastet, lösen Kunstwerke aus Textil den Wunsch aus, sich dem Objekt auch auf einer haptischen Ebene zu nähern. Diese Annäherung wird durch die Architektur der Schleuse geradezu begünstigt, da die fortlaufende Bank den Besucher zur Wand drängt. Dieses Moment der Schwere wird beim Betrachten der Wände intensiviert, hängen dort keine schmalen Läufer, sondern massive Wollteppiche, die die Wände einnehmen.

Somit bezieht sich der Titel Weight of the Walls nicht nur auf die räumlichen Gegebenheiten vor Ort, sondern auch auf künstlerische Arbeiten per se, die sich stets in den Räumen und an den Wänden einer Ausstellungssituation behaupten müssen. Es scheint unmöglich die Massivität der Wände in der Schleuse aufzulösen. Selbst die Fenster, die Leichtigkeit suggerieren, scheitern schließlich daran. Pia Ferm wirkt der Architektur aus diesem Grund nicht entgegen, sondern betont sie. Doch mit der Skulptur Solitaire, einer kleinen Säule aus Keramik, kehrt sie die Situation in der Schleuse um. Neben der Wand ist auch die Säule ein tragendes Bauelement. In der Gotik ersetzte die Säule die Wand sogar. Doch die Säule, die Pia Ferm produziert hat, trägt nichts. Sie steht frei. Während derartige Säulen für gewöhnlich als alleinstehende Monumente existieren wie die Trajansäule in Rom, scheint Solitaire vereinsamt und ihrer Funktion beraubt. Die schmucklose Ästhetik und die Größe von 80cm lassen auf keine architektonische Behauptung schließen, die damit aufgestellt werden soll. Vielmehr ist es die Umkehrung eines massiven Baukörpers aus Marmor in ein fragiles Objekt aus Keramik, die im Fokus steht. In dieser Verschiebung betont die Künstlerin die Umgebung der Skulptur, besteht die Bank in der Schleuse im Gegensatz zur Säule aus Marmor. Die Ausstellung Weight of the Walls entfaltet so ihren vollen Charakter erst, indem der Betrachter die Verknüpfung zwischen den gezeigten Arbeiten und dem Raum, in dem sie gezeigt werden, als Zusammenspiel von zwei Gewichten begreift. Es sind Gewichte, die sich mit jeder neuen künstlerischen Position und jedem Raum verändern. Wichtig bleibt nur, dass sie sich die Waage halten.”

Text: Carina Bukuts

 

Noch bis Sonntag, den 14. Januar kann Pia Ferms Ausstellung in der Schleuse besucht werden!