Darmstädter Echo, 18. Januar 2020: Wunderkammer

Von Stephan Dudek – Vor rund 20 Jahren haben die Opelvillen in Rüsselsheim ihren Betrieb aufgenommen. Wurden dort anfangs mit epochalen Ausstellungen neue Standards für die Präsentation von bildender Kunst gesetzt, muss die Kunst-Stiftung mittlerweile auch kleinere Brötchen backen.

Auszug aus dem Artikel:

Picasso, Beckmann, Kirchner. In den Opelvillen lasen sich die Künstlerlisten anfangs wie ein träumerisches Versprechen. Die ersten Ausstellungen im Kunsthaus am Main legten die Latte ganz hoch. Für Rüsselsheim wurden neue Standards gesetzt, die man draußen vor der Tür nicht mehr ignorieren könne, hieß es damals. Heute, gut 20 Jahre nach der ersten Großmeister-Schau, “Max Liebermann – Stationen eines Malerlebens”, stellt sich die Frage: Haben sich die großen Erwartungen erfüllt?

Beginnen wir in den Opelvillen selbst: Zehn Jahre lang erwiesen sie sich als wahre Wunderkammer, holten eine Blockbuster-Show nach der anderen in die Stadt und erarbeiteten sich bundesweite Anerkennung. Ausstellungen trugen Titel wie “unmittelbar und unverfälscht” (2003), “Exil und Moderne” (2004/05), “Klang im Bild” (2007) oder widmeten sich wichtigen Künstler-Biografien wie denen von Georg Baselitz (2006), Henry Moore (2007/08) und Elizabeth Peyton (2011). Einen vorläufigen End- und Höhepunkt dieser gloriosen Zeit markierte die erste monografische Retrospektive von Arbeiten der Russin Natalja Gontscherowa (2009). Danach wurde zur neuen Norm, was zuvor die Freiräume zwischen den Meistern der klassischen Moderne oder Spitzenleistungen der Nachkriegskunst füllte, oftmals themenorientierte Gruppenausstellungen, Nachkriegsfotografie, zeitgenössische Positionen. Für diesen Sommer ist “Kunst für Tiere” angekündigt. Kurzum: Die Latte liegt wieder ein Stückchen niedriger, was den Opelvillen jedoch keineswegs geschadet hat. Das Haus mit seiner umtriebigen Kuratorin Beate Kemfert erfreut sich unverändert hohem Ansehen und gilt längst als unantastbare Instanz für den Umgang mit bildender Kunst in Rüsselsheim. […]

Zudem gibt es Gründe für den Qualitätsnachlass. Seit Jahren bekommen die Opelvillen immer weniger Geld bei gleichzeitig gestiegenen Kosten. Hauptsponsor Opel hat zuletzt die Segel gestrichen, allein dies sorgte für eine Einbuße in Höhe von 40 000 Euro, die kurzfristig noch einmal durch Spenden aus den Reihen des Förderkreises gedeckt werden konnten. Wollte man sich allerdings, so ließ die Kuratorin erst kürzlich gesprächsweise fallen, auch heute noch wie in der Anfangszeit an musealen Leihgaben moderner Klassiker bedienen, müsste das Haus allein für drastisch angehobene Versicherungsprämien tief in die Tasche greifen. Gleichwohl sind die Opelvillen über jeden Zweifel erhaben. Seit dem Sommer hat Stadtverordnetenvorsteher Jens Grode mehrfach mit kleinen Influencer-Videos bei den Bürgern für den Besuch der Ausstellungen geworben. Andere Kunst-Anbieter, etwa der “Malkasten” oder der Kunstverein marschieren mit den Opelvillen im Gleichklang, respektieren sich gegenseitig. […]

Fazit: Rüsselsheim kann stolz darauf sein, dass es Ende der neunziger Jahre den Mut aufbrachte, in ein Kunsthaus mit überregionaler Reputation zu investieren. Es hat sich gelohnt.  […] Dass sich die damaligen Kommunalpolitiker trotz lautstarker Widerstände aus der Bürgerschaft durchsetzten, ist ihnen aus heutiger Sicht ohne jede Einschränkung zu danken. Die Opelvillen gehören zweifellos auf die Haben-Seite der Stadt. Sie verleihen Rüsselsheim Ansehen und Anziehungskraft; ganz abgesehen davon, dass sie den hiesigen Bürgern eine Möglichkeit bieten, Anschluss an die Geisteswelt des 21. Jahrhunderts zu halten.

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