F.A.S., 4. Oktober 2020: Songs für Souris

Von Katharina Deschka – Verstehen Tiere Kunst? Können sie Kunst erschaffen? Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Und muss man überhaupt Grenzen ziehen? Eine Ausstellung in den Opelvillen Rüsselsheim überrascht mit neuen Perspektiven.

Auf allen vieren kriecht Alex Bailey durch ein Blumenbeet. Eine Weile verharrt er dort fast regungslos. Nur ab und zu schnuppert er an den Rosenblüten ringsum, doch so selbstvergessen er aussieht, er ist dabei nicht allein. Eine Katze beobachtet ihn aus sicherer Entfernung. Immer wieder nähert sie sich dem Mann, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen. So einen sonderbaren Menschen hat sie wohl noch nie gesehen.

Dennoch scheint sie mit dem Mann zu kommunizieren. Mensch und Tier haben eine gemeinsame Sprache gefunden, die sich über ihre Körper mitteilt – bei Katzen geschieht die Annäherung über das Zurückweichen, Zurückkehren, Beobachten und über zarte Berührungen. Zu sehen ist Baileys faszinierende Begegnung mit der Katze als »Performance for Fine« nun in den Rüsselsheimer Opelvillen. Sie ist Teil einer Ausstellung, für die das Künstlerpaar Krõõt Juurak und Alex Bailey zuvor Katzenbesitzer zu Hause besuchten oder Hundehalter samt Vierbeiner in die Opelvillen einluden, um ihre Tanzperformance vorzuführen.

Seit 2014 verfeinert das in Wien lebende Paar den einfühlsamen Zugang zur anderen Spezies. Mit ihren empathischen »Performances for Pets« wecken sie die Neugier von Hunden und Katzen. Tiere werden zu Betrachtern von Kunst. Tiere als Rezipienten, dies ist ein radikaler Gedanke, den Künstler wie Laurie Anderson teilen, die für Hunde Konzerte gab. Die Arbeit der Performer für Tiere sei Ausgangspunkt ihrer Ausstellung in Rüsselsheim gewesen, berichtet Beate Kemfert, Kuratorin und Leiterin der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen.

Die Schau »Kunst für Tiere. Ein Perspektivwechsel für Menschen« präsentiert allerdings nicht nur diesen Rollentausch und das Tier als Kunstbetrachter. Sondern Tiere werden als ästhetische Wesen gezeigt, die in ihrer spezifischen Schönheit abgebildet werden. Und sie werden als Geschöpfe vorgestellt, die selbst Kunst produzieren. Bei allen Aktionen, das war Kemfert wichtig, sei die Freiwilligkeit der Tiere eine Voraussetzung gewesen.

So viel Rücksicht gab es nicht immer. Es wird mit ihr ein Wandel sichtbar: Der Mensch will sich nicht länger überlegen fühlen. Für die ausführliche und überfällige Betrachtung der Beziehungen von Mensch und Tier hat Kemfert wichtige Kooperationspartner in der Region gewonnen, die alle vom Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main als Teil des aktuellen Themas »Erzählung. Macht. Identität« unterstützt werden. Im Deutschen Ledermuseum in Offenbach setzt man sich in der Schau »tierisch schön?« kritisch mit dem tierischen Material Leder und der Frage auseinander, wie der Mensch sich das Tier zunutze macht. Exponate aus veganen Stoffen erweitern schon seit einiger Zeit die Museumsbestände. Im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden widmet sich die Ausstellung »Alles im Wunderland« mit aktuellen Beiträgen jenen Tieren, die dem Menschen lästig, schädlich und ekelhaft vorkommen.

Das Verhältnis zum Tier war schon immer Anlass zum Nachdenken. Ohne Tiere wäre die Kunstgeschichte nicht denkbar, wie Kemfert betont. Seit der Höhlenmalerei beschäftigen sich Menschen künstlerisch mit Tieren, seit der Antike geht es in der Philosophie darum, ob und wie der Mensch vom Tier zu unterscheiden sei. Als ein Merkmal galt lange Zeit die Sprache. Deswegen ist in der Ausstellung Marcel Broodthaers‘ Tonaufnahme »Entretien avec un chat« von 1970 zu hören, der diese Vorstellung mit Humor aufgreift. Die Frage des Künstlers zu René Magrittes Pfeife beantwortet eine Katze stets mit »Miau«: Aber wer weiß schon, was sie zu sagen hat?

Dass das Tier zum geliebten Begleiter des Menschen werden kann, weiß hingegen jeder, der selbst eines hält oder hielt. Als der Kater Souris der französischen Konzeptkünstlerin Sophie Calle vor sechs Jahren starb, bahrte sie ihn in weißen Tüchern auf und bat Musiker, ihm Songs zum Abschied zu schreiben. Rund 40 Tonkünstler beteiligten sich an dem Gedenkprojekt, das nun als Album »Souris Calle (1994-2014)« in einer Vitrine zu betrachten ist.

Die Individualität von Menschenaffen stellen die wandgroßen Porträtzeichnungen von Gabriele Muschel dar, die sie nach einem Aufenthalt in Borneo anfertigte. Den Unterschied dieser Gesichter erkennt man erst im Vergleich. Einen ähnlichen Gedanken verfolgte Ursula Böhmer, als sie Kühe in Europa fotografierte. »All Ladies« nannte sie die Serie der frontal in die Kamera blickenden Tiere, Individuen auch sie, die mit ihrer ruhigen Ernsthaftigkeit an Aufnahmen von August Sander erinnern.

Als ästhetisch gestaltende Wesen hat Rosemarie Trockel Tiere schon länger verstanden. »Jedes Tier ist eine Künstlerin«, lautete 1993 ihre Botschaft. Der Schönheit der von Tieren geschaffenen Werke widmen sich in der Schau einige Arbeiten, zum Beispiel ließ Björn Braun Zebrafinken hübsche Nester bauen, indem er ihnen bunte Fasern und Bänder anbot, Maximilian Prüfer gestaltete mit Hilfe von Ameisen wundersame nachtschwarze Bilder mit leuchtenden Spuren und Punkten. Salz-Lecksteine von Ziege, Elch, Zebra und Giraffe erklärte Jan Schmidt zu Kunstwerken, die er in Bronze goss.

Vor einer Leinwand in der Natur wartete Sanna Kannisto, bis sie umherfliegende Kolibris fotografieren konnte. Um ihre Arbeiten näher zu betrachten, muss man durch Schnecken laufen. 150 bunte Keramiktierchen hat Dominika Bednarsky auf den Boden gesetzt. Sie erfordern dieselbe Achtsamkeit wie echte Tiere, will man nicht auf sie treten.

Die Ehrenbürgerrechte für Krähen fordert Simona Pries in ihrer 2018 entstandenen Arbeit. Sie knüpft damit an die Idee von Rechten für Tiere an, wie sie 2015 in Argentinien für Orang-Utan-Weibchen Sandra durchgesetzt wurden. Ein Gerichtsurteil macht möglich, dass Sandra den Zoo gegen ein Freigehege tauschen durfte.