Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22. März 2020: Liebesgrüße aus Havanna

Von Klaus-Peter Roth – Mein Kulturtipp

Bronzestäbe mit halboffenen Kreisen am oberen Ende in loser Ordnung auf einer Bodenplatte befestigt. Eine Dollar-Skulptur, deren Bedeutung sich nur von einem bestimmten Standpunkt erschließt. “Point of view” des kubanischen Künstlers Iván Capote setzt die Einnahme einer bestimmten Perspektive und damit einen Perspektivwechsel voraus. Zu sehen ist sie in der Ausstellung “Liebesgrüße aus Havanna” in den Opelvillen in Rüsselsheim, die einen Einblick in die aktuelle Kunstszene Kubas, natürlich ohne den Anspruch der Vollständigkeit, gibt. Die Arbeiten – Zeichnungen, Skulpturen, Fotografien, Videoinstallationen – reflektieren das Leben und die Gesellschaft Kubas und deren Entwicklung in oft überraschender Weise. Zu sehen ist die Ausstellung jetzt als Online-Führung auf der Homepage.

So begegnet uns das Dollarzeichen wieder, transformiert zu einer Bank (als Sitzgelegenheit) in einer Zeichnung von Adonis Flores oder als Geldschein in einer Videoinstallation von Glenda León (Inversion) durch Abrieb zu einem feinen Pulver verwandelt, das, ähnlich wie Kokain, eingeatmet werden und so inkorporiert werden kann. Das Video “Delirio II”, ebenfalls von Glenda León, zeigt die Verwandlung eines Baums und spielt mit unserer visuellen Wahrnehmung.

“Generación” von Marco Castillo und Carlos Lechuga verbindet Design und Spielhandlung zu einem melancholischen, fast unwirklichen, Film untermalt von Beatriz Marquez’ berühmten Lied “Polvora mojada”. Schön und zugleich distanziert mit einem verstörenden Ende. “Generación” wird übrigens auch auf dem Filmfestival “Cuba im Film” in Frankfurt.Höchst zu sehen sein. Das Festival, geplant von 14. bis 23. Mai, soll jetzt im Oktober stattfinden.

Die beeindruckende Fotoserie “La Espera – Das Warten” von Humberto Díaz und Daniel Silvo führt uns mitten in den Alltag Havannas. Wartende Menschen in etwas verfallenen, aber phantasievollen und sehr farbenfrohen Bushaltestellen, eine Art Metapher für das Leben in Kuba.

Der vom Mangel bestimmte Alltag schließlich inspiriert auch die Arbeiten von Ernesto Oroza (Technologischer Ungehorsam) und Iván Capote (Muschelkopfhörer). Sie spielen auf den Erfindungsreichtum, das Improvisationstalent und die Kreativität der Kubaner*innen im Umgang mit dem Mangel an, erinnern dabei an Dada oder den Surrealismus und versetzen uns durch ihren Witz und durch ihre Leichtigkeit in eine entspannte und fröhliche Stimmung.

Sie sollten, falls das noch oder wieder geht, den Ausflug nach Rüsselsheim an einem schönen Tag unternehmen und anschließend an den Besuch der Ausstelung den Blick aus dem Museumscafé auf die Mainpromenade genießen oder besser gleich etwas spazieren gehen, am Ufer des Mains und zur “Festung”: ebenfalls ein Perspektivwechsel.