Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Oktober 2020: Jedes Tier ist eine Künstlerin. Mitgeschöpfe als Mitschöpfer: Die »Artentreffen«-Schauen mit zeitgenössischer Kunst zeigen, wie das Verhältnis zwischen uns und dem Rest der Fauna kreativ werden kann.

Von Ursula Scheer – Nein, diesen Halm verweigert der Zebrafink für sein Werk. Erst die nächste Faser, von der Hand des Künstlers Björn Braun auf einer weißen Fläche abgelegt, akzeptiert der Vogel und fliegt mit ihr im Schnabel aus dem Bild. Darbieten, Aufnehmen oder Zurücklassen, mehr zeigt das Video Brauns in knapp einer Stunde nicht von der Interaktion zwischen Mensch und Tier. Im Nebenraum erst warten Resultate der Kooperation aus dem Jahr 2012: Nester aus Zweigen und Federn, bunten Plastikstäbchen und Kunststoffbändern, mal zart gewirkt, mal kompakt verdichtet. Objekte, die kunstvoll erscheinen und in der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim auf Sockel gehoben werden. 

»Jedes Tier ist eine Künstlerin«, hat Rosemarie Trockel 1993 behauptet und damit das zwar egalitäre, aber anthropozentrische Diktum Joseph Beuys’ von der Künstlerschaft eines jeden Menschen ins Feministische und Zoologische gewendet. In Rüsselsheim blickt einem Trockels Hündin Hannah auf Fotografien entgegen, die zwischen klassischem Porträt und erkennungsdienstlicher Erfassung changieren. In der Vitrine daneben kriecht auf einem Bild Peter Weibel an der Hundeleine, gehalten von seiner Partnerin Valie Export, durch eine Fußgängerzone: Dokument einer typischen Aufreger-Aktion der Sechziger, als die Frauenbewegung maskuline Ängste wachkitzelte. Aus anderen Gründen, doch immer noch mit emanzipatorischem Anspruch, begeben sich Künstler heute auf alle viere. Krööt Juurak und in Alex Bailey agieren in eigens für die Schau dargebotenen und filmisch festgehaltenen Performances robbend, ruhend oder krabbelnd vor Hunden und Katzen. Die den Künstlern fremden Haustiere werden weder bedrängt noch manipuliert; sie können freiwillig mittun. Dazu, solche Übungen der achtsamen Annäherung auf als Kunst zu goutieren, ist freilich nur der Mensch in der Lage: das Animal symbolicum, das sich zumindest teilweise aus dem Käfig der Verhaltensbiologie befreit hat, indem es komplexe Zeichen produziert und deutet. Ein tiefer Graben trennt uns vom Rest der Fauna.

Und doch leben wir seit jeher in so inniger, vielschichtiger Koexistenz mit ihr, dass drei koordinierte Ausstellungen von Gegenwartskunst und Design unter der Überschrift  »Artentreffen«  in Rüsselsheim, Wiesbaden und Offenbach bloß an der Oberfläche kratzen können. Das Tier als Gefahr und Nahrung, Gefährte und Ekelobjekt, als Rohstofflieferant, Totem, verehrtes oder verhasstes Wesen; das Tier schließlich als fragile Existenz, von uns in seinem Fortbestand gefährdet oder bereits ausgelöscht: All das aufzuschlüsseln wäre ein unendliches Unterfangen. Doch Mensch-Tier-Relationen haben durch die Klimakrise eine neue Dringlichkeit erhalten. Dafür ist der Aufstieg des Veganismus vom Spleen weniger zum Lifestyle-Phänomen nur ein Symptom. Überdies scheint in Zeiten, in denen biologische Dichotomien wie die von Mann und Frau fragwürdig geworden sind, offenbar auch die Bereitschaft zu wachsen, die einst scharf gezogene Grenze zwischen Mensch und Tier als verschwommene Linie wahrzunehmen.

In  »Kunst für Tiere«, so der Titel der Ausstellung in Rüsselsheim, die einen  »Perspektivwechsel für den Menschen« erreichen will, steht das tierische Gegenüber als Akteur, Partner, Mitschöpfer im Mittelpunkt, dessen Status weit über den eines Gegenstands der Darstellung oder eines Requisits hinausgeht. Vielleicht auch des- halb verschwendet sie keinen Gedanken an die Dobermänner in Anne Imhofs  »Faust«-Installation oder den Kojoten, den Beuys zum Teil einer Aktion machte. Stattdessen wirkt das Tier selbst schöpferisch. Lecksteine von Elch, Ziege, Zebra, Giraffe und Bongo, von Jan Schmidt 2014 in Bronze gegossen, erweisen sich als unwillkürlich geformte Skulpturen, als angeeignete Readymades animalischen Ursprungs, Welten entfernt von den Pinseleien beschäftigungstherapierter Zooaffen. Zu den faszinierendsten Ausstellungsstücken gehören  »Naturantypien« von Maximilian Prüfer. Der Künstler hält in seiner Serie  »Ich möchte sehen, was du riechst« mit einem an die Cyanotypie angelehnten Verfahren die Laufwege von Ameisen um Kekse herum fest. Die dabei entstehenden Visualisierungen auf der Grenze zwischen Spur und Zeichen wecken Assoziationen an himmlische Konstellationen.

Anderen geht es darum, Blickkontakt herzustellen. Auf den monumentalen Orang-Utan-Porträts, die Gabriele Muschel nach Fotografien, die sie auf Borneo in der Forschungsstation von Biruté Galdikas aufgenommen hat, fertigt, werden Affen zu Individuen. Kühe in ihrem erstaunlichen Formen- und Artenreichtum hingegen treten einem in Ursula Böhmers Fotos aus den zurückliegenden zwanzig Jahren entgegen, wahlweise en face oder im Nahblick als Fell- und Körperlandschaften.

Die Exponate der vorsichtig fragenden Ausstellung  »Tierisch schön? « im Deutschen Ledermuseum Offenbach können als nützliche Materialisierungen solcher ästhetischen Verfremdungstaktiken interpretiert werden. Eine südamerikanische Krokodillederhandtasche mit eingearbeitetem Reptilienkopf und Kopfschmuck mit Raubtierfellen aus Afrika sprechen von dem tiefsitzenden Verlangen, der Kraft und Schönheit anderer Lebewesen habhaft zu werden, indem man Accessoires aus Haut, Haaren, Knochen trägt. Kult und Luxus, zeigt die Auswahl der Objekte, liegen eben eng beieinander. Die unheimliche Rückverwandlung in etwas scheinbar Atmendes geschieht dann in Eva Ruhlands Installation  »Alchemilla« (2017). Nerzpelze werden elektrisch zum Schnurren gebracht, sacht scheint das Tier, dem das Fell über die Ohren gezogen wurde, sich wieder zu regen.

Das Lebewesen statt den Rohstoff sehen: Solche Wahrnehmungswechsel führten dazu, dass heute vielfach verpönt ist, was einst begehrt war. Können wir auch  »Schädlinge«, »Geschmeiß« und  »Getier« schätzen lernen? Das ergründet »Alles im Wunderland« im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden. Einen Gärtner-Albtraum inszeniert dort, ebenso wie in Rüsselsheim, Dominika Bednarsky. Die Studentin der Hochschule für Gestaltung in Offenbach lässt in ihrer Arbeit  »Snails« eine Armee vielfarbig glasierter Nacktschnecken aus Ton über den Boden kriechen, eine humorvolle Barrikade für die Abscheu. Diese wiederum mag sich bei dem einen oder anderen Bahn brechen angesichts riesenhafter Kohlschnaken – übrigens keine Blut-, sondern Pflanzensaftsauger aus Japanpapier und Draht, die Lili Fischer auf Wänden sitzen und von der Decke hängen lässt.

Auf die hochauflösende oder sogar monumentale Vergrößerung von Insekten als probaten Trick, eingesetzt um Affekte zu provozieren, aber auch Interesse zu wecken, greift eine ganze Reihe von Arbeiten der Ausstellung zurück. Spannender wird es, wenn Kolonialgeschichte sich aus den Bohrlöchern von Holzwürmern lesen lässt. Der Neuseeländer Zac Langdon-Pole stellt in  »Punctatum« Möbelstücke aus Familienbesitz vor, die von den Larven eines – wie seine Vorfahren – aus Europa eingewanderten Käfers befallen waren. Dessen Fraßspuren hat der Künstler mit reinem Gold veredelt. Kann aus Schäden und Versehrungen Wertvolles entstehen?

Die Kreatur begegnet einem in Wiesbaden als apokalyptisch-niedliche Mahnerin (eine animierte Maus von Ryan Gander), als Bausatz für die Trickfilmwerkstatt (1912 so eingesetzt von Wladyslaw Starewicz), als beinahe göttliches Wesen (wie die Kraken in Monira Al Qadiris Videoinstallation  »Divine Memory«). Im digitalen Spiegel von Christa Sommerer und Laurent Mignonneau schließlich treten wir uns selbst entgegen, unsere Umrisslinien von wimmelnden Ameisen nachgezeichnet, als  »Homo insectus«. Und es offenbart sich das Drama in all der Kunst: Am Ende, wir können nicht anders, sehen wir im Tier doch immer nur uns selbst.

Kunst für Tiere, Kunst und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim, bis 17. Januar.

Alles im Wunderland, Nassauischer Kunstverein Wiesbaden, bis 7. Februar.

Tierisch schön? Deutsches Ledermuseum in Offenbach am Main, bis 30. Mai.

Kein Katalog.

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