Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Februar 2020: Fern aller Karibik-Klischees

Von Christoph Schütte – Die Ausstellung “Liebesgrüße aus Havanna” zeigt zeitgenössische kubanische Kunst im internationalen Kontext.

Vielleicht sollte man die eigenen Bilder erst einmal löschen: Karibik, Rum und Che Guevara, Fidel Castro und die dicken Straßenkreuzer aus den Fünfzigern und überhaupt all das, was man reflexhaft gern mit Kuba assoziiert. Die Kunst jedenfalls, so zeigen diese höchst anregend Ausstellung gewordenen “Liebesgrüße aus Havanna” in den Rüsselsheimer Opelvillen, ist hier in aller Regel anders als gedacht. Sicher, gelegentlich fährt wie in Glenda Leóns “Destino” schon einmal die eine oder andere Limousine durchs bewegte Bild, und in Adrián Fernández’ “Requiem” findet sich durchaus so mancher Verweis auf das revolutionäre Kuba Fidel Castros. Und doch geht es allen 20 in der Ausstellung vertretenen Positionen zunächst um eine Reflexion der Gegenwart. Dies indes in durchaus kritischer und keineswegs in folkloristischer Absicht. […]

Was die Künstler in Videos und Installationen, in Fotografie, Skulptur und Malerei verhandeln, sind keine Kuba-Klischees, sondern die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Heimat. Dabei mag man Juan Carlos Aloms Fotoserie “Período especial” insofern exemplarisch nennen, als sie ins Zentrum der künstlerischen Aufmerksamkeit rückt, was die kubanische Gesellschaft der vergangenen 30 Jahre entscheidend geprägt und verändert hat. Meint doch die “Sonderperiode” des Titels die neue Zeit, die auch hier mit dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges begann. […]

Doch wenn Ernesto Orozas Diaserie eine in jeder Hinsicht prekär sich ausnehmende “Architecture of Necessity” dokumentiert, Ricardo G. Elías die Ruinen der einst blühenden Zuckerindustrie in elegischem Schwarzweiß zeigt oder Marco Castillo mit “Generación” ein Requiem auf die Hoffnungen der Revolution anstimmt, dann geht es auch um Nostalgie. Die glorreichen Zeiten kennen die meisten Künstler selbst ohnehin nur noch von Bildern. Insofern erscheint der künstlerische Blick zurück noch stets als ein mal nüchterner, mal vor allem skeptischer und dann wieder mehr als alles andere ratloser Blick nach vorn. Das gilt für Humberto Díaz’ malerisch anmutende “La espera” überschriebene Aufnahmen von Bushaltestellen geradeso wie für Felipe Dulzaides’ “Tanques de basura”.