Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Dezember 2020: Kunst für Vögel

Von Christoph Schütte – Die Ausstellung ist geschlossen, aber ihre beim zweiten Blick verstörende Arbeit kann man auch von außen betrachten: Parastou Forouhar in den Opelvillen.

Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Auch wenn die Ausstellung »Kunst für Tiere heißt« und wegen des Lockdowns vermutlich allenfalls noch von den klandestinen tierischen Bewohnern der Rüsselsheimer Opelvillen erkundet und bewundert werden kann, bis sie im Sommer nächsten Jahres noch einmal wiederaufgenommen wird. Schließlich richtet sich Parastou Forouhar mit ihrer Kunst seit jeher an den menschlichen Betrachter. Kennt man etwa die Zeichnungen und Animationen der 1962 geborenen Künstlerin als kunstvolle, meist aus der Linie entwickelte Reflexionen zu Schönheit, Unterdrückung und Gewalt, und verbindet man darüber hinaus mit ihrem Namen die Aktionen, mit denen sie Jahr für Jahr an die Ermordung ihrer Eltern erinnert. Und das nicht etwa von Deutschland aus, sondern am Ort des Geschehens, in ihrem Elternhaus in Teheran.

All das ist naturgemäß den Tieren einerlei. Und wenn nicht, nehmen sie die Arbeiten dieser von hochkarätigen Künstlern wie Marcel Broodthaers, Sophie Calle und Rosemarie Trockel, von Dominika Bednarsky, Roni Horn oder Jan Schmidt fulminant bespielten Schau nun, sagen wir, aus einer anderen Perspektive wahr. Doch andererseits, so Forouhar anlässlich eines so intimen wie angesichts der Pandemie auf Distanz bedachten Gesprächs in den derzeit geschlossenen Opelvillen, sei ihre »Flieg nicht durch« überschriebene Arbeit »tatsächlich für die hier lebenden Vögel gemacht«. Für all die Meisen, krähen, Amseln und grünen Papageien, denen die weiten Grasflächen zwischen den Baukörpern schonmal das Genick brechen.

Nur dass die großformatige, schattenrissartige Zeichnung der Absolventin der Offenbacher Hochschule für Gestaltung keine Raubvögel, keine Tauben oder Schwalben, sondern das für Farouhar beinahe schon emblematisch zu nennende Motiv Schmetterling variiert. Eines aus der Distanz zunächst vor allem prächtig sich ausnehmenden Falters freilich, dessen aus den Prinzipien von Symmetrie und Ornament entwickelte Schönheit bei näherer Betrachtung nichts als »des Schrecklichen Anfang« vorstellt, wie es in Rilkes Duineser Elegien heißt. Zeigt die Binnenstruktur der eigens für diesen Ort entstandenen Arbeit doch kein Pfauenauge, keinen Schwalbenschwanz oder wenigstens die Zeichnung eines Schachbrettfalters, sondern Menschen. »Befleckte«, wie die mittlerweile im Spessart lebende Künstlerin sagt. Erniedrigte und Geknechtete, Gedemütigte, Getretene und Geschlagene, wie sie seit mehr als 20 Jahren in zahlreichen ihrer Arbeiten tatsächlich Gestalt annehmen.

Wie es Forouhar ohnehin immer auch um Parteinahme geht. Um die Perspektive der Opfer vor allem, jener, die keine Stimme haben und auch kein Gesicht. In Rüsselsheim variiert Forouhar ihr Thema nun an der Grenze zwischen außen und innen und mithin im quasi öffentlichen Raum. Mitte Januar wird »Kunst für Tiere« abgebaut. »Flieg nicht hindurch« aber darf bleiben. Nicht nur Spaziergänger, Passanten oder Kunstbetrachter, auch die Vögel haben etwas davon.