Frankfurter Neue Presse, 8. Februar 2020: Liebesgrüße aus Havanna

Von Christian Huther – Rüsselsheimer Opelvillen zeigen aktuelle kubanische Kunst

Was macht man ohne Ventilator im Sommer? Man bastelt sich einen aus anderen Materialien. Als Ständer dient ein Telefon, in das ein Plastikrohr als Halterung gesteckt wird. Dann eine Schallplatte so zurechtschneiden, dass sie drei Flügel ergibt. Ein Kabel, einen Stecker und einen kleinen Motor hat ein Bastler immer, notfalls der Nachbar – fertig ist der Tischventilator. Der entstand aber nicht im DDR-Sozialismus, sondern im viel heißeren Kuba. Der Künstler Ernesto Oroza hat das funktionsfähige Objekt fotografisch dokumentiert in seinem zwischen 2005 und 2007 angelegten “Archiv des technologischen Ungehorsams”. […] Unlängst wurde Beate Kemfert, die Chefin der Opelvillen, zu einem internationalen Kuratorentreffen in Kubas Hauptstadt Havanna eingeladen. Die dortige Kunstszene faszinierte sie so, dass sie viele Künstler besuchte – und jetzt deren Werke zeigt. “Liebesgrüße aus Havanna”, so der Titel der Schau. […] In Rüsselsheim sind nun rund 50 Werke von 20 Künstlern aus allen Generationen versammelt. Die Szene ist so vielfältig wie bei uns. Alle Medien sind vertreten, vom klassischen Gemälde über Skulpturen und Installationen bis zu Fotos und Videos. […] Schon vor 30 Jahren dabei war der Künstler und Kurator Tonel (Antonio Eligio Fernández), auch in Rüsselsheim hat er mitgearbeitet. Der mittlerweile 62-jährige hat viele Kontakte und lebt in seiner Heimatstadt Havanna, wie die meisten beteiligten Künstler. Ergänzt wird die Schau durch Leihgaben aus der Sammlung des Neu-Isenburgers Robert Funcke, der sich auf zeitgenössische lateinamerikanische Kunst spezialisiert hat. Eine neugierige Kuratorin, ein kundiger Führer vor Ort, ein weiterer Sammler im Hintergrund – beste Voraussetzungen für eine gelungene Schau. [….]