Main-Spitze, 1. September 2020: Anfassen erlaubt. In der Schleuse der Opelvillen ist Max Brücks Installation »Betonpfeiler« zu sehen.

Von Gregor Ries – Eigentlich hätte Max Brück zuletzt das Labor der Opelvillen als Arbeitsraum nutzen dürfen. Angesichts der derzeit schwierigen Situation zog es der ehemalige Student der Hochschule für Gestaltung in Offenbach allerdings vor, in seinem geräumigen Gießener Studio zu bleiben. Dort bereitete er die Schleuse-Installation »Betonpfeiler« vor. Es kommt zwar seltener vor, dass ein Künstler beide Räumlichkeiten nacheinander nutzen darf. Seine Vorgängerin Lena Grewenig präsentierte allerdings zuvor gleichsam ihre Labor-Ergebnisse im Villenzwischengang.

Wie einige seiner Kollegen bezog Brück die trennende Bank in der Raummitte mit ein. In der extra für die Schleuse konzipierten Installation griff er eines seiner Stammthemen auf: die persönliche und kollektive Erinnerung an geschichtliche Erinnerungen, an geschichtliche Ereignisse. Der 1991 in Schotten im Vogelsbergkreis geborene Künstler konzentriert sich auf das Motiv der Verortung, dem Umgang mit Erinnerungsmomenten und der Bewahrung oder Sicherung von Besitz. Gleichsam kann man die Wirkung von Original und Reproduktion erkunden.

In der Nähe seines Gießener Ateliers stieß Brück auf das ehemalige Depot der US-Streitkräfte. Von hier aus wurden bis 2007 Waren nach ganz Europa verteilt. Heute entstehen dort neue Wohnkomplexe. Als Symbol für Überwachung und Abwehr, aber ebenso von Männlichkeit und Gewalt interessierte sich der Skulpturenspezialist für die unzähligen Zaunpfosten. Einen davon sägte er ab und bewahrte ihn mitsamt Schellen für die Drähte und Moosflächen als Witterungszeugnis auf.

Während das Fundstück als Ausgangsmaterial am Bankanfang platziert wurde, schlängeln sich die Reproduktionsstücke wie ein verwunschener Wald durch den Raum. Auf zehn Archiv-Displays modellierte Brück den Zaunpfosten als Schaumstoffreplik nach. Das Symbol brutaler Ideologie erscheint nun weich, luftig und verletzbar. Anfassen erlaubt. Max Brück will sich überraschen lassen, wie die Einwirkung von Sonne und Hitze das Material verändert. Schon eine sechswöchige Zeit als Artist in einer Residenz im ehemaligen DDR-Grenzwachturm im Berliner Schlesischen Busch nutzte er, um die innerdeutsche Teilung mit der kollektiven Erinnerung zu kombinieren. Neben einer Belüftungsanlage als Aspekt des Austausches von innen und außen bereitete er schon den Abtransport, die Konservierung und Bearbeitung massiger Pfeiler als Aufrüstungskommentar vor.

Ansonsten entwirft der Konzeptkünstler häufiger skurrile Installationen wie 2019 ein Heizkraftwerk. Als Reflexion zu Mangel und Überfluss konstruierte er eine heizbare Sitzbank, die mit kleinen Papierbriketts aus geschredderten Akten erwärmt wird. Wie die Betonpfeiler stellen die Bänke für ihn einen Teil des öffentlichen Raumes dar, der sich in steter Veränderung befindet. Dank Stipendien der Stiftung Kunstfonds in Bonn und dem Förderpreis der Frankfurter Künstlerhilfe kann der vielseitige Künstler diese Studien und Reflexionen in nächster Zeit fortführen.