Rüsselsheimer Echo, 10. November 2020: Eintauchen in surreale Farbwelten. Anna Reiter zeigt ihre Arbeiten in der Schleuse der Opelvillen

Von Maraike Stich – Farbe, viel Farbe, bunt und leuchtend auf großen Leinwänden. Nachdem in jüngster Zeit viel Konzeptuelles in der Schleuse – der Nachwuchsplattform der Opelvillen – zu sehen war, wird nun wieder Malerei gezeigt. Und die lädt ein zum Eintauchen in surreale Farbwelten.

Auf den ersten Blick sieht der Betrachter die ungemein anziehenden Farben, pastellen und leuchtend zugleich. Dann erkennt man organische Formen, aus denen sich nach und nach immer mehr herauslesen lässt. Hier ein Bein, dort eine Brust, daneben ein scheinbar schnell dahingekritzelter Teddybär mit dämlichen Grinsen.

Erschaffen wurde dieser Kosmos aus Farbe und Form mit dem Titel »Perfi-Perfekt-World« von der Künstlerin Anna Reiter. Die 25-jährige studiert Malerei an der Mainzer Kunsthochschule. Ihre in den Opelvillen gezeigten Bilder seien alle in der Coronazeit entstanden, verrät Reiter. Sie hätte kein Thema, es gehe ihr einfach um Malerei, sagt sie, fügt dann aber an, sie interessiere sich für die Sexualität und eine mit ihr verbundene seltsame Komik. Auch beschäftige sie sich viel mit Techniken aus dem Dadaismus.

An die Kunst der Dadaisten, deren Arbeiten sich der Logik und dem Sinnenhaften widersetzten, erinnert auch die online übertragene Eröffnungsrede Leonard Palms und Viola Adams. Und an die Technik des freien Assoziieren, die Sigmund Freud in seinen Sitzungen angewandt hatte. Dass Freuds Lehre großen Einfluss auf die Künstler seiner Zeit hatte – und die Dadaisten waren Zeitgenossen – ist bekannt. Scheinbar zusammenhangslos springt Text von der Kunstgeschichte über die Religion hin zu Populärkultur.

Apropos Freud, der Psychoanalytiker hatte sich viel mit der Traumdeutung befasst, erkannte das Auftauchen im Bewusstsein verdrängter Themen in scheinbar sinnfreien Trauminhalten.

Wie solche Traumwelten wirken auch Reiters Bilder. Da erstaunt es dann nicht zu hören, dass die junge Künstlerin seit kurzem in Wien lebt, der Heimat Freuds und der Psychoanalyse. Zuvor habe sie keine Verbindung zur Hauptstadt Österreichs gehabt, beteuert sie. Bei einem Besuch zusammen mit zwei Kommilitonen habe sie spontan beschlossen, dort leben zu wollen. die dortige Kunstszene gefalle ihr, zudem habe sie schon immer gerne österreichische Literatur gelesen.

Derzeit absolviert Reiter noch die letzten Semester an der Kunsthochschule in Mainz, die sie mit Diplom abschließen will. Dann möchte sie sich ganz der künstlerischen Arbeit widmen. Deshalb sei sie derzeit auf der Suche nach einem Atelier in Wien, was jedoch gar nicht so einfach sei.

In den Opelvillen habe sie schon viele Ausstellungen gesehen, verrät sie, so sei der Wunsch entstanden, selbst dort auszustellen. Zwar sei der Raum mit Schräge gar nicht so einfach, andererseits seien ihre Bilder ja auch ein bisschen schräg, sagte sie lachend. Die Ausstellung darf derzeit zwar nicht besucht werden, auf der Homepage können sich Interessierte aber die Eröffnungsrede ansehen, dabei sind auch ausgestellte Bilder von Reiter zu sehen.