Main-Spitze, 14. Juli 2020: Durchblick unmöglich. Kunststudentin Helena Walter zeigt ihre provokante Installation »See through« im Garten der Opelvillen

Von Charlotte Martin – Wie oft einzelne Besucher am Sonntag auch das Kunstobjekt umrundeten – es blieb undurchsichtig. Der Titel der jüngsten Installation des Projekts »SCHLEUSE/LABOR ausgelagert« im Garten der Opelvillen führte in die Irre: »See through« (durchschauen) hat Helena Walter, Studentin der Kunsthochschule Mainz, ihre Installation genannt.

Unverrückbar stand der eckige Kunstkörper aus 166 Glasbausteinen, verpackt in Latex, und mittels orangener Spanngurte verschnürt, auf der Wiese. Durchblick war unmöglich, forderte die Besucher heraus. Denn die Steine in ihrer optischen Verzerrung sind zwar lichtdurchlässig, verspreen aber jede Sicht – verwehren Einsicht, Durchsicht und Erkenntnis: Vager Kontrollverlust stellt sich ein, wird zur Beunruhigung. Dieses Unbehagen freilich ist von der Künstlerin beabsichtigt – Besucher gehen rasch weiter oder bleiben nachdenklich stehen.

Nach Experimenten mit Plastikumhüllungen sei sie zu Latex, dem elastischen Gummimaterial mit »morbidem« Beigeschmack, übergegangen, berichtet Helena Walter. Lückenlos seien die Glasbausteine anfangs vom Latex umhüllt gewesen, erklärt Walter, doch zur Objektpräsentation am Sonntag war der Gummimantel durch Sonnenlicht porös geworden, wie Risse auf, befand sich in irreversibler Auflösung.

Sich auf die Nachwuchskunst im Garten der Opelvillen einzulassen, setzt Interesse an Fragen um Sein und Schein vorraus: Was sehe ich, was ich zuvor nie sah? Inspiriert es? Irritiert es? ist das Kunst oder verschwende ich hier meine Zeit? Wer Ästhetisches zur Entspannung suchte, war erneut fehl am Platz. Nach Anna Hofmann und Tobias Krämer (beide HfG Offenbach) sowie Julian Ernst (Kunsthochschule Mainz) präsentierte Helena Walter als vierte Künstlerin ihre Arbeit. Die Studentin der Bildhauerklasse von Tamara Grcic – Grcic stellte 2017 in den Opelvillen eine babylonische Wort-Klanginstallation aus – will herausfordern, wirft Fragen um Kontrollbestreben versus unausweichlichem Verfall auf.

»Latex zerfällt übrigens auch in Räumen – dort dauert der Prozess länger und der Stoff müffelt«, sagt sie. Und: »Ich zeige hier, dass ich als Künstlerin zwar Form und Ort meiner Installation bestimme, jedoch keine Kontrolle über die Veränderungen habe. Auch das Material kann sich gegen Licht und Zeit nicht wehren. Weder ich noch die Betrachter haben Durchblick, können auf den Grund sehen. Er bleibt unklar.«

Je länger wir die Installation umkreisten, umso gespenstischer wirkte sie. Das Latex bildete filigrane, tropfenähnliche Strukturen auf den Glassteinen. Die sieben orangenen Gurte, die das Objekt festschnüren, wirkten wie eine Fesselung wider Willen. »Sieben Gurte – sieben ist ja eine alte, magische Zahl – etwa aus der Bibel oder aus Märchen«, setzte Walter undurchsichtig hinzu. Und während wir wie Blinde vor den von Schlieren befleckten Glasbausteinen stehen, geht lautlos langsam der Zersetzungsprozess weiter.