Main Spitze, 17. Februar 2021: Lee Millers Bilder des Weltkriegs

Von Anette Krämer-Alig – Kuratorin Beate Kemfert mag den für diese Fotografin gern genutzten Begriff der, »Muse« nicht. »Das klingt immer, als habe Lee Miller vor allem die männlichen Künstler an ihrer Seite und in ihrem Umfeld inspiriert«, sagt die Leiterin der Rüsselsheimer Opelvillen beim Rundgang durch die neue Schau »Hautnah«, in der Arbeiten Millers aus den Jahren 1940 bis 1946 zu sehen sind.

Tatsächlich ist die, »Muse« hier die Herabwürdigung fotografischer Exzellenz zwischen Mode- und Kriegsbildern egal, wie illuster der Kreis um die in New York geborene, traumschöne Elizabeth, »Lee« Miller (1907-1977) über Jahrzehnte hinweg auch gewesen ist. Tatsächlich wurde sie Mitte der zwanziger Jahre in ihrer Heimatstadt New York erst als Model für die US-Zeitschrift »Vogue« berühmt. Aber dann wechselte sie die Seiten und war von 1929 bis 1932 in Paris eben nicht nur die Lebensgefährtin Man Rays, sondern zunächst seine Schülerin, dann die Mitbegründerin, »seines« Fotosurrealismus. Und wenn zu ihren Freunden in dieser Zeit nicht nur Pablo Picasso (der sie gleich sechs Mal malte), sondern auch die Surrealisten Paul Éluard und Jean Cocteau (der sie 1930 als Statue in seinem Film »Das Blut eines Dichters« verewigte) gehörten, bedeutete das nicht, dass diese ihr eigenständiges Schaffen nicht anerkannt hätten.

Denn in dieser Zeit wuchs Lee Millers Blick für die Schwarz-Weiß-Fotografie als Inszenierung, der ihre Arbeiten auch als Kunstfotografin sowie erste Kriegsreporterin überhaupt bestimmen sollte. Wie bedeutend ihre Leistung in diesen Bereichen war, belegt der Schaffens-Ausschnitt der Jahre 1940 bis 1946 eindrücklich, der nun in der Rüsselsheimer Schau mit ihren rund 130 Bildern vor allem gewürdigt wird.

Beate Kemfert hat die Ausstellung, die zu den Begleitpräsentationen der kommenden Frankfurter Fototriennale Ray gehört, dabei quasi zweigeteilt. Im Untergeschoss lernt man Lee Millers Leben sowie eine Art Abriss ihrer Jahre als Reporterin mit dem Schwerpunkt auf Bildern einer Reise durch das kriegszerstörte Deutschland kennen, kann Miller dazu in einem Film kennenlernen. Diese Fokussierung ist ein Tribut daran, dass die Opelvillen Grundschulkindern wie Jugendlichen auch in Pandemiezeiten gemäß der geltenden Corona-Kontaktbeschränkungsverordnung Zugang zu ihrem Bildungsangebot ermöglicht: Nach Voranmeldung können kleine Gruppen aus Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen Führungen in der ihnen gemäßen Form erleben.

Sie können sehen, wie Lee Miller zunächst nach 1940 für die Zeitschrift, »Vogue« in London in einer heute verstörenden Kombination von Mode und Krieg das zerstörte London beispielsweise als Umfeld für »sparsamen« Kriegs-Chic dokumentierte. 1944 begleitete sie dann, akkreditiert als Kriegskorrespondentin, die US- Truppen von Frankreich und Luxemburg nach Deutschland, und selbst ihre Trümmerbilder aus Aachen, Köln oder Frankfurt wurden in der Frauenzeitschrift veröffentlicht, weil auch weibliche Freiwillige für den Kriegsdienst dringend gesucht wurden und Propaganda erwünscht war.

Im Erdgeschoss hängt auch ein Bild vom Nachmittag des 30. April 1945, aufgenommen von ihrem Fotografen-Freund David E. Sherman, mit dem sie damals reiste. Es ist eine inszenierte, im tragischen Sinn surreale Sieger-Aufnahme aus der Münchner Wohnung Adolf Hitlers und Eva Brauns, die Geschichte geschrieben hat: Lee Miller sitzt darauf in der Badewanne, ihre Uniform, die Armbanduhr und ihre ausgetretenen Militärstiefel sind auffällig auf dem Hocker davor platziert, während Heinrich Hoffmanns offizielles Hitlerbildnis am Wannenrand danebensteht.

Noch tragischer wird diese Situation, wenn man als Erwachsener im Obergeschoss den Ausstellungsraum betritt, vor dem man auf die Brutalität des dort Gezeigten hingewiesen wird. Denn am Vormittag desselben 30. Aprils war Lee Miller mit den amerikanischen Soldaten im KZ Dachau gewesen und hatte dort die Auffindung und den Abtransport jüdischer Leichenhaufen, Menschenknochen, verhärmte Gefangene und Krematoriumsöfen festgehalten, aber auch zuvor mordende Nazi-Offiziere, die sich angesichts der Niederlage selbst getötet hatten. Im Obergeschoss hat Beate Kemfert dramatische Situationen konzentriert, die Miller 1944 als Kriegsreporterin im Geleit der amerikanischen Truppen festgehalten hat: den Blick in Lazarette und auf Schwerstverletzte in der Normandie, den Napalm-Angriff der Amerikaner auf die Hafenstadt St. Malo, verängstigte Französinnen, denen ihre Liebesaffären mit Deutschen öffentlich zum Vorwurf gemacht werden. Aber dort ist auch zu sehen, wie Lee Miller nach der Einnahme von Paris ihren Freund Picasso in dessen Atelier besucht hat und wie schnell sie in dieser Hauptstadt der Mode wieder Haute Couture für die Vogue aufgenommen hat.

Nach Kriegsende führten einige Reisen die Fotografin noch nach Österreich, Ungarn und Rumänien. Doch dann brach ihr Schaffen jäh ab. Denn Lee Miller konzentrierte sich auf ihr Privatleben als Ehefrau des Malers, Sammlers, Galeristen sowie Mitbegründers der surrealistischen Bewegung in Großbritannien Roland Penrose und auf ihr gemeinsames Farley Farm House im ländlichen England. Dieses Cottage wurde zum Treffpunkt intellektueller Eliten, die Miller trefflich bekochte bis eine Kriegsneurose sie in Depressionen und eine Alkoholsucht führte, Ihr Schaffen geriet sogar solange in Vergessenheit, bis ihr Sohn nach dem Tod Lee Millers die Bilder auf dem Dachboden der Eltern wiedergefunden hat. Er hat daraus das Archiv eingerichtet, das heute Leihgeber ihrer Ausstellungen ist.