Main-Spitze, 2. Juni 2020: Wenn der Mähroboter durch die Kunst kurvt

Von Charlotte Martin – Studentin Anna Hofmann zeigt im Garten der Opelvillen ihre Installation „Serviervorschlag“.

Der Blick der Besucher erkundete das 16 Quadratmeter große Rasenstück
im Garten der Opelvillen: Kleinformatig waren darauf am Sonntag in weitem Abstand Objekte verteilt, die niedliches Spielzeug hätten sein können. Doch die Harmlosigkeit täuschte.

Herzfiguren auf Füßen, verformte Büroklammern, eine wurmähnliche Zigarette aus Ton oder das Bildnis des Amors mit Pfeil fanden sich darunter. Daneben der Schriftzug des Cartoons „Liebe ist…“. Weiter
vorne waren zwei Miniatursäulen platziert – eine davon sogar umgekippt. Davor war in schroffem Zeitsprung das Symbol einer Textverarbeitungssoftware angebracht. „Serviervorschlag“ heißt die Installation der Kunststudentin Anna Hofmann von der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach, die den Auftakt des „temporären Skulpturenparks“ im Garten der Opelvillen machte.

Beate Kemfert, Vorstand und Kuratorin der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen, begrüßte zahlreiche, nicht zuletzt auch studentische Besucher, freute sich, am dritten Sonntag seit Wiedereröffnung des
Kunsthauses unter Auflagen angesichts der Pandemie, der
„jungen Nachwuchskunst der Region“ Raum geben zu können. „In den letzten Jahren war es unser Sommerfest mit hunderten Besuchern, das Studenten vom Frankfurter Städel, von der Kunsthochschule Mainz sowie der HfG Offenbach ein Forum bot. Diesmal heißt es ‚Labor und Schleuse ausgelagert’ – vierzehntägig sonntags im Sommer.“ Ein gelbes Sofa im Garten lädt jeweils um 16 Uhr zur Betrachtung und zum Austausch in Mußestunden ein.

In den „Serviervorschlag“ von Anna Hofmann war nun Leben gekommen: Nicht nur, dass ihr Hund Gigi unbesorgt über die Kunst-Rasenfläche
wuselte und die Besucher amüsierte, auch ein Rasenmäher-Roboter gehörte zur Installation, fuhr das Areal leise surrend und ein wenig unheimlich
entlang markierter Linien ab. Und mähte Gras: So entstand ein Geviert, das sich bald vom benachbarten Wuchs des mit Gänseblümchen durchsetzten Grases abhob. „Ich hoffe, dass noch etwas Erklärung kommt, sonst bin ich verloren“, merkte eine etwas ratlose Betrachterin an. So folgte sie gern der Ermutigung von Kelly Sue Roßmann, Organisatorin des „temporären
Skulpturenparks“, näher zu treten: „Die Installation kann von allen Seiten betreten werden.“

Anna Hofmann legte dar, dass sie sich mit dem Archivieren auseinandergesetzt habe, zudem mit der Frage, was Medien preisgeben, wo Zensur eingreife und wo Manipulation beginne. Die Herzen auf Füßen etwa
stünden für Emojis wortloser Kommunikation durch Symbole, seien Objekte aus Ton. Die Büroklammern lägen beabsichtigt „schlaff“ da, untauglich, um Akten zu bündeln. Auch ein Notizblock aus Ton verbarg sich im Gras, zerknittert, wie durch alle Wasser gezogen. Für „Various Feelings“ – vielfältige Gefühle – stand ein wellenartig geformter Block. Die Installation sei für sie eine vielschichtige, zusammenhängende Erzählung, ein hintergründiger ‚Serviervorschlag’, so Hofmann. Und ja, die Leerstellen
um die Kunstinseln herum könnten für das Verschwiegene, Verborgene, Ungesagte stehen. Der Rasenmäher surrte. Beate Kemfert sagte: „Ich gehöre
zur Generation, die noch archiviert und ausdruckt. Mit Covid 19 aber ging es plötzlich um Netzwerke, um Likes, um Emojes. Wir funktionierten auf
einmal mit Algorithmen. Als Kunsthistorikerin finde ich aber auch den antiken Amor in der Bildsprache wieder.“