Main-Spitze, 2. Oktober 2020: Auf Augenhöhe. Die Opelvillen präsentieren »Kunst für Tiere« – Ein gelungener Perspektivwechsel

Von Annette Krämer-Alig – Mag sein, dass mancher nach dem Besuch dieser Ausstellung in den Rüsselsheimer Opelvillen vorsichtiger ausschreitet, wenn er künftig nach einem Regen ins Grüne geht. Denn die Schau »Kunst für Tiere« schult mit einer Installation von Dominika Bednarsky die Aufmerksamkeit für Nacktschnecken: Gleich 150 solcher Schnecken – allerdings aus Keramik – hat sie in einem Saal auf vielen Quadratmetern auf dem Boden ausgelegt. Und bei so viel zerbrechlicher Kunst tritt behutsam auf, wer sich beispielsweise Timm Ulrichs Foto-Geschichte »Blaues Wunder« an der Wand daneben nähern will, auf der blaue Gehäusschnecken aus allen Gartenecken Station für Station herankriechen, um sich schließlich zum (in der modernen Kunst ja bedeutsamen) Quadrat zusammen zu finden.


Beide Arbeiten verlocken zunächst vor allem die Augen. Sie überzeugen in ihrer Ästhetik – wie alle Zeichnungen, Plastiken und Videos der 27 Künstler, die Opelvillen-Leiterin und Ausstellungskuratorin Beate Kemfert in dieser Schau zusammengestellt hat. Doch da ist noch mehr. Denn jenseits aller »Tiertümelei« öffnet hier Ironie Wege zum Nachdenken über das ebenso liebevolle wie schwierige Verhältnis des Menschen-Tiers zu anderen Gattungen. Wenn Bednarsky die Schnecke zum Kunstwerk macht, gibt sie ihr damit ungewohnte Bedeutung – die im Kopf freilich gleich zur Auseinandersetzung damit wird, warum man den Bodenkriecher im wahren Leben doch vor allem eklig findet. Ulrichs dagegen verkehrt in seiner Kunst-Geschichte die Wahrheit zugunsten der »Kreativität«, die der Mensch ja nur sich selbst bescheinigt. Hintersinnig erzählt er seine Verschmelzung von Natur und Kunst schlicht von hinten nach vorn: Auch in seinem Garten bewegen sich Schnecken natürlich ganz naturgemäß allzeit weg von der geometrischen Ordnung, in die er sie gelegt hatte, und es geht dann ab in die Beete.


Die Ausstellung offeriert derart mit meist aktuellen Arbeiten hintersinnige »Perspektivwechsel für Menschen« (so der Untertitel der Schau). Denn hier gibt es nicht nur in den Videos von Kroot Juurak und Alex Bailey »Performances for Pets«: Werke, in denen Tiere mehr als bloßes Ab- oder Wunschbild sind. Stattdessen lenken sie den Blick auf das unbekannte Wesen gegenüber, das bisweilen sogar selbst zum Kunstakteur werden darf – ganz egal, ob es als Hund für Juurak/Bailey zum Aktionskunst-Partner wird, bei Maximilian Prüfer als Ameisenzug Bilder auf chemisch dafür vorbereitete Papiere »zeichnet« oder für Mário Cravo Neto als Vogel mit prächtigem Gefieder das »Voodoo Child« eines unbekannten Nackten ist.

Man sieht einander auf einigen Bildern auf gleicher Höhe sogar ganz wörtlich ins Auge – wobei der Umweltschädling Homo sapiens in der Regel als erster schamvoll wegblicken müsste. Ursula Böhm beispielsweise ist von 2002 bis 2016 durch Europa gereist, um für ihre schwarz-weiße Fotoserie »All Ladies« bald 30 Kuh-Arten aufzunehmen, von denen einige heute ausgestorben sind. Und Gabriele Muschel setzt auf riesigen Zeichnungen die Köpfe dreier Menschenaffen monumental in Szene, die sie bei einem Aufenthalt in einem indonesischen Orang-Utan-Camp kennengelernt hat: Auch deren Art ist bedroht. Björn Braun dagegen zeigt, wie Zebrafinken als geniale Nestbau-Künstler nicht nur natürliches, sondern dazu schädliches Kunststoff-Material verwenden, das er ihnen zur Verfügung gestellt hatte.


»Jedes Tier ist eine Künstlerin« hat Rosemarie Trockel 1993 nicht nur in feministischer Anspielung auf den berühmten Beuys-Satz »Jeder Mensch ist ein Künstler« spöttisch formuliert. Im gleichen Jahr setzte sie auch ihre Hündin Hannah in zwei Fotografien mal frontal, mal von der Seite vor die Kamera. Das zieht an und befremdet wie eine Hundeschau. Denn Hannah braucht die Inszenierung nicht. Sie ist auch ohne Zutun schön.