Main-Spitze, 20. Mai 2020: Mitunter regiert der Zufall

Konzeptkunst von Joshua Yesni Arnaut ist in der Schleuse der Opel-Villen zu sehen

Von Gregor Ries – Die aktuelle Schleuse-Ausstellung des Künstlers Joshua Yesni Arnaut in den Opelvillen lässt sich auf drei Ebenen rezipieren. Als Beschäftigung mit popkulturellen Ausprägungen, Kommentar zum Aggressionspotenzial der Metalkultur sowie Statement zur eigenen Biografie kann die vierteilige Zusammenstellung aus acht Objekten verstanden werden. Schon der Titel „Didn’t we deserve a look at
you the way you really are“ bezieht sich auf einen epischen Song der amerikanischen Post-Hardcoreband „Shellac“. Das Trio baut ebenso wie die avantgardistischen „Swans“ als weitere für ihn wichtige Formation au Minimalismus und Repetition, bevor sich abrupte Noise-Attacken ihren Weg bahnen.

So finden sich in Arnauts Konzeptkunst wiederholt Verweise auf Außenseiterrollen, Männlichkeitsbilder, Populismus und Gewaltpotenzial, aber ebenso auf Widersprüche in der Jugendkultur. Schon die frühere Fotoarbeit „Häng’s an die Wand und schäm dich“ in einer Gruppenausstellung der Hochschule für Gestaltung Offenbach zeigt ein eingeschlagenes Brett. So habe er früher seine Wände traktiert, sagt der einst selbst Kampfsport trainierende HfG-Student. Dies führt Arnaut in „Black Flag Damaged“ fort, für die er vier Gipsplatten aus dem Baumarkt besorgt und schwarz lackiert hatte. Nachdem sie unterschiedlich stark bearbeitet wurden, ordnete er die Objekte im Stil des Logos der kalifornischen Hardcoreband „Black Flag“ an. Zu dieser Minimal Art passt der zerbrochene Baseballschläger mit dem Logo „Tyson“, der an den oft unkontrollierbaren Schwergewichtsboxer Mike Tyson erinnert.

Die grünlich verwitterte, gigantische Vespaplane „Quadrophenia“ an der Wand gegenüber kündet davon, dass die Natur oft von sich in die Kunst eingreift. Arnaut lässt mitunter den Zufall regieren. Der Objekttitel verweist auf das Konzeptalbum von „The Who“ und den dazugehörigen Film über Straßenschlachten der Rocker gegen die Mods als weiteres Subkultur-Porträt.

Den verschnörkelten Schriftzug auf der Plane kann man gleichsam in vielen Stickern auf den beiden Kutten „Wolves in the Throne Room“ entdecken. Mit den auf Ebay erstandenen Jeans- und Lederjacken setzt Arnaut die abstrakten Stillleben seiner Fotoserien fort. Gerade die Jeansjacke um ein großes Logo der „Alcoholic Metal“-Band „Tankrad“ (Bierkrug) unterstreicht zwischen dem kindlichen „Wickie“-Sticker und dem Slogan „Heidentum ist kein Faschismus“ den bedenklichen Widerspruch jugendlichen Rebellentums.

Gewalt fand sich schon in Joshua Yesni Arnauts Biografie wieder. Seine Familie entkam dem Bosnienkrieg. Doch während die Mutter sich zunehmend überfordert zeigte, rutschte der distanzierte Vater in die Drogenszenen und Obdachlosigkeit ab. Dessen Ermordung durch einen Zimmernachbarn verarbeitete der Wahl-Frankfurter mehrfach in
vielschichtigen, kreativen Aktionen.