Main-Spitze, 25. Juli 2020: Irritationsmomente mit Körperteilen. Städel-Meisterschülerin Lena Grewenig präsentiert ihre Laborarbeiten mit einer Schleuse-Ausstellung in den Opelvillen

Von Gregor Ries – Zeitgleich mit dem umgreifenden Lockdown aufgrund der Covid-19-Ausbreitung startete der Laboraufenthalt der jungen Künstlerin Lena Grewenig. Da ihre Nachfolgerin abgesagt hatte, konnte die Meisterschülerin der Frankfurter Städelschule ihre Schaffensperiode im Kellerstudio der Opelvillen gar bis Anfang Juli verlängern. Während der Aufenthalt junger Kunststudentinnen und -studenten häufig mit einer einmaligen Präsentation endet, kann Grewenig ihre Laborarbeiten nun gar mit einer Schleuse-Ausstellung dem Publikum vorstellen.

In »Küsse, Bisse, Risse« bleibt sie sich einerseits treu, schlägt andererseits auch neue Wege ein. Bislang arbeitete die gelernte Goldschmiedin parallel zu ihren Gemälden mit Skulpturen. Doch schon auf den überdimensionalen Mobiles »Isolated Moments« aus Baumwolltüchern konnte man Körperteile entdecken. Dieses Motiv baute sie in der neuen Reihe ebenso wie die Verwendung organischer Materialien aus.

Die drei groß- und fünf kleinformatigen Werke als verfremdete Ausschnitte eines, beziehungsweise ihres Körpers entstanden mit Ölfarbe aus Erde, Steinen, Federn oder Pigmenten. Wo Grewenig früher mit Verkleidung und Verdeckung arbeitete, legt sie nun den Blick auf die Unerfasstheit des eigenen Körpers frei.

Als Analyse des eigenen Reichs ist sie daran interessiert, Assoziationen auszulösen und die Gedankenwelt des Betrachters freizusetzen. Ein Ellenbogen könnte eine Bergkuppe darstellen. Eine Ohrmuschel in »The Acoustically Invasion of Never Heard Nightmares« wirkt wie eine Schlange, die langsam in die Gehörgänge vordringt.

In dem großformatigen »In Which Direction I Have To Escape« gelingt die Flucht nicht, weil zwei Füße ineinander verschlungen sind. Noch weiter führt die Verwirrung in den beiden weiteren riesigen Gemälden mit einer Verkettung aus ineinander übergehenden Körperteilen wie Augen, Hände, Fingerkuppen, Nasen, Brust, Anus oder Schultern.

Bei der Verbindung von Traumdeutung, Körpersprache und dem Aufklappen des Unterbewusstseins arbeitet Grewenig zudem mit Kontrasten. Im größten Werk stehen die Schwarzflächen bewusst als Gegensatz zur hellen, leuchtenden Farbgebung.

Häufig setzt die Wahlfrankfurterin auf Unperfektion als Konzept und Irritationsmoment. Ein Blutfleck neben einer ausgestreckten Hand in »Longing for a Certain Point of Andromeda Nebula or Nearby« mag auf den Weg ins Unendliche verweisen. Tatsächlich handelt es sich um die Stelle zur Anmischung der Rottöne.

Schon in früheren Werken baute Lena Grewenig den Entstehungsprozess als visuelles Konzept mit ein. Wie die assoziativen Titel unterstreicht dies ihren ironischen Umgang mit den Konventionen des Kunstbetriebs.