Mainspitze, 25. August 2020: Möbel in fabelhaften Formen. Student Jeonghoon Shin präsentiert seine Installation “schön und praktisch” im Garten der Opelvillen

Von Charlotte Martin – Wie ein stacheliges Fabeltier buckelt das steingraue Möbelstück mit weit offenem Maul vorm Betrachter: Gähnt es? Maunzt es? Gefährlich jedenfalls wirkt es nicht.

Irgendwo zwischen Drachen und Katze ist das Objekt seiner Form nach anzusiedeln, zugleich stellt es ein Regalmöbel dar, erläutert Jeonghoon Shin (22). Der Student der Kunsthochschule Mainz ist der siebte Nachwuchskünstler, der in der Reihe “Schleuse/Labor ausgelagert” den Garten der Opelvillen für eine Installation nutzt. “Schön und praktisch” hat er die Gruppe aus vier Objekten genannt, in denen er Funktionalität und fantasievolle Ästhetik verknüpft. Neben dem buckelnden Regal sind es ein opulenter Beistelltisch auf zierlichen Stahlfüßen, eine hügelig gewölbte Wasserpflanzenschale sowie eine knotige, handgeformte Bodenvase, die das Ensemble komplettieren.

Der steingraue Farbton weist Risse auf, marmoriert die Oberflächen, was den Objekten antike Patina verleiht. So schwergewichtig die Elemente wirken, sie lassen sich leicht neu in Position bringen, sind sie doch aus Styropor und Industrieschaum, versehen mit einer dünnen Tonschicht, gefertigt. “Optisch wollte ich die Schwere von Beton erreichen”, sagt Jeonghoon Shin. Im Maul des Fabeltier-Regals ließen sich kleine Haushaltsdinge aufbewahren, weiter unten weist der Kunstkörper eine Höhle auf, in die Bücher hineinpassen würden. Das Tischchen in seiner kissenartigen weichen Wölbung könnte als Nachttisch dienen, die Wasserpflanzenschale sowie die Bodenvase laden ein, frisches Grün in Räume zu bringen. “Freundlich” sei für ihn ein zentrales Wort, sagt Jeonghoon Shin. “Wenn ich etwas streng und eckig gestalte, fühle ich, dass es nicht richtig ist”, sagt der Student und lächelt. Jeonghoon Shin erklärt, er freue sich, im Garten der Opelvillen ausstellen zu dürfen: “Es ist meine erste Ausstellung neben studentischen Gemeinschaftspräsentationen.”

In Südkorea aufgewachsen, habe er schon früh Atelierluft geschnuppert: “Meine Eltern sind beide Bildhauer und mein Bruder studiert Bildhauerei in Korea.” Dessen Studium sei theoretischer. “Ich habe hier mehr Raum, nachzudenken, was ich ausdrücken will”, so Jeonghoon Shin. Seine Möbel jedenfalls zeugen von sensibler Ästhetik. Pflanzen sind beileibe keine Nebensache, Vase und Wasserschale unabdingbar. In ihrer lebendig anmutenden Körperlichkeit sind seine Möbel mehr als bloße Wohnungseinrichtung: Sie scheinen beseelt und erzählen dem Betrachter fabelhafte Geschichten.