Opelvillen, 24. Juli 2020: Eröffnung in der Schleuse

Ab dem kommenden Samstag, den 25. Juli 2020, zeigt Lena Grewenig in der Schleuse der Opelvillen in ihrer Ausstellung „Küsse, Risse, Bisse“ ihre neuesten Arbeiten, die in Rüsselsheim und Berlin entstanden sind. Seit Mitte März nutzte sie das Labor der Opelvillen als Gastatelier und zeigt bis zum 16. August in der Schleuse ihre größtenteils vor Ort entstandenen Arbeiten. Die Eröffnung findet mit dem folgenden Video online statt:

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Deutsche Übersetzung der Eröffnungsrede

In Kisses Bites and Ruptures, der Einzelausstellung von Lena Grewenig, werden wir in einen intimen Raum eingeladen. Der Raum, in dem die Ausstellung gezeigt wird, ist nicht sehr groß. Aber was diesen Eindruck von Intimität bewahrt, sind die Werke selbst. Wir sind umgeben von Körperteilen, von menschlichen Körpern, vom Gefühl dieser Körper, dargestellt durch den Ton und die Farbe der Haut. Wenn wir mit diesen Arbeiten konfrontiert sind, sind wir ihnen sehr   nahe. In dem Ausstellungsraum befinden wir uns zwischen zwei Wänden. Auf der einen Seite haben wir die kleinen Gemälde, die Details von Körperteilen zeigen. In ihrer Malweise ähneln sie Aquarellen. Aber beim näheren Herantreten ist erkenntlich, dass sie mit Ölfarbe gemalt sind.  Durch die zusätzliche Verwendung von Naturmaterialien (wie selbst hergestellte Pigmente aus Gesteinen) lenken die Bilder unsere Aufmerksamkeit auf eine weitere Ebene von Körperlichkeit über eben diese Materialität. 

Die dargestellten Körperdetails tragen bestimmte Empfindungen mit sich. Wie zum Beispiel das Ohr; Wenn wir auf dieses Ohr schauen, denken wir gleichzeitig über das Hören nach. Diese Empfindung wird in uns wachgerufen. Der Hintergrund fehlt in einigen der kleinen Bilder. Es bleibt also uns überlassen, uns in unserem eigenen, persönlichen und intimen Raum (in uns selbst) unsere eigene Geschichte über diese Gruppe von Gemälden zu schreiben. 

Die Bilder haben in ihrer Erscheinung etwas Fernes, sie muten an das Aussehen der Details von Wandgemälden aus vergangenen Zeiten an. Und heute aus einer anderen Perspektive betrachtet, sind wir die Leser, die diese Geschichte in unserem eigenen Kopf bilden und kreieren. 

Es ist keine zufällige Wahl, dass Lena einen Körper wählt und benutzt, und es ist nicht nur ein Körper, es ist ihr eigener Körper. Ich denke, es ist sehr wichtig zu verstehen und zu wissen, dass sie ihren eigenen Körper benutzt; Sie ist daran interessiert, sich selbst oder das Selbst zu analysieren. Es ist eine der interessantesten Untersuchungen, die ein Künstler durchführen kann, weil er gleichzeitig durch die Untersuchung des Selbst diese Untersuchung für uns alle durchführt, für andere Menschen, die sich vielleicht mit dieser Ausstellung befassen. Sie konfrontieren uns vielleicht mit Problemen oder Bedenken, die wir auch hatten. Und was bei dieser Gruppe von Arbeiten wichtig ist, ist, dass diese Details von Körpern wie der Hand, den Haaren und dem Ohr sichtbar gemacht und erfasst werden. Das Gefühl, das in uns erzeugt wird, ist das Gefühl dessen, was jenseits des Bildes liegt. Und wir könnten verlockt sein, zu denken, dass es das Gefühl der Abwesenheit ist. Aber wenn wir diese Körperteilen genau betrachten, ist das, was Lena mit diesen Bildern evoziert,  ein Gefühl der Expansion, ein Gefühl der Erweiterung. Denn, wenn wir auf dieses Ohr schauen, denken wir sofort an das Hören, es eröffnet sich uns hier eine andere, weitere Dimension. Und Erscheinungen, wie Kant sagte, müssen selbst Gründe haben, die keine Erscheinungen sind. Das, was nicht erscheint, ist tatsächlich das, was in uns hervorgerufen wird, und das, was im Moment nicht erscheint oder gegenwärtig ist, ist mehr und geht über das hinaus, was wir sehen. Diese Art von Bewusstsein erreichen wir alle in dem Moment, in dem wir in unserem intimen Selbst allein sind. Und selten werden wir mit unserem eigenen Körper konfrontiert. In diesem Sinne wird der Körper des Künstlers auch zu unserem Körper. Und während sich viele zeitgenössische Künstler auf das Aussehen oder die Außenwelt und das Materielle konzentrieren, bringt uns Lena zurück zum Körper und zu dem, was jenseits des Aussehens des Körpers liegt. Sie weckt unser Bewusstsein in uns und unserer Körperlichkeit. Und sobald wir anfangen, in diesem intimen Raum unserer Selbst zu sein, beginnen wir, uns unsere eigene Wahrnehmung unserer Existenz zu schaffen.

An der gegenüberliegenden Wand befindet sich das große Gemälde mit dem Titel “das Eine für das Andre greifen”, 165cm x 170cm. Hier sehen wir fast vollständige Körperteile. Sie sind in einem Bild zusammengefasst. Es gibt also eine Wiederholung des Motivs, die es tatsächlich in eine Art Oberfläche verwandelt. Gleichzeitig wird dieses Subjekt des Körpers zum Hintergrund, zur Oberfläche, und es verschiebt unser Bewusstsein von der Präsenz des Subjekts in den kleinen Gemälden, zur Abwesenheit des Subjekts in gewisser Weise im großen Gemälde.  Alle Körperteile erzeugen die Erscheinung, die Oberfläche, die sich als Hintergrund herausstellt, die sich in gewisser Weise als Wand herausstellt. Etwas, das überwunden werden muss. In diesem Gemälde beschäftigen wir uns mit der Intensität der Verbindung, mit der Intensität des Körpers, mit der inneren Erfahrung des Körpers, nicht als geformte Realität, sondern als Ergebnis verschiedener Verbindungen, die von den Sinnen angetrieben werden.

Auch hier, in diesem Gemälde, mit dieser Menge an Informationen und Materialität und visueller Sprache, werden wir mit der Überdosis von Empfindungen, von Erscheinung, von Präsenz konfrontiert. Und es wird schwierig zu lokalisieren, was hier Gegenstand des Gemäldes ist. Weil die Körperteile dieses Gefühl der Verschmelzung erzeugen. Und anstatt eine Identität zu schaffen, lösen sie diese Identität auf. Der Künstler bewegt uns oder zumindest unser Bewusstsein in das Feld der Philosophie, weil unser innerer Denk- und Philosophierprozess aktiviert wird, weil Philosophie nicht mit Einzelheiten, mit Dingen, die den Sinnen gegeben sind, sondern mit Universalien übereinstimmt. Dinge, die nicht lokalisiert werden können, wie Aristoteles in der nikomachischen Ethik sagte. Also führt Lena uns durch diese beiden Konfrontationen, wobei wir dasselbe Thema auf unterschiedliche Weise verwenden, sie fordert uns und unsere Wahrnehmung aus verschiedenen Perspektiven heraus, während sie uns in unseren eigenen, intimen Raum hineinzieht, in dem es an uns liegt, unsere menschliche Natur jenseits der Erscheinungen mit dem uns begegnendem Körper zu konfrontieren.