Opelvillen, 8. November 2020: Eröffnung in der Schleuse

Ab heute, den 8. November 2020, zeigt Anna Reiter in der Schleuse der Opelvillen ihre Ausstellung »Perfi-Perfekt-World«. Die 1994 geborene Künstlerin studiert seit 2014 an der Kunsthochschule Mainz. Werke von ihr waren bereits in mehreren Ausstellungen in Mainz und Berlin zu sehen. Die Eröffnung findet mit dem folgenden Video online statt:

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Eröffnungsrede von Leonard Palm und Viola Adam:

»WAS SOLL DENN DIESE REALITÄT SEIN VON DER ALLE REDEN?

Anna Reiter ist unserer Zeit voraus. Wenn sie nämlich Probleme ereilen, dann googelt sie nach Lösungen. Tatsächlich, das hilft fast immer. Wenn nicht, geht sie in die Kirche, und wenn auch der dreifaltige Mainstream-Gott nicht hilft, bietet sie eben einer lange vergessenen Gottheit eine Opferung dar. Solange das Preisleistungsverhältnis stimmt. In einem Graffito am Arbeitsplatz entdeckt sie also ein Omen und Anna Reiter erscheint Bakeneko, die japanische Gespensterkatze, die Tote wie Marionetten steuern kann und aus Hauskatzen hervorgeht, die zu fett geworden sind. Für die nekoromantische Atmosphäre zündet Anna noch Duftkerzen an (Note Waldspaziergang) und überweist an die Hohepriester der Katzenhilfe im Tierheim den symbolischen Betrag von 6 Euro 66. 

Nur von Buddha hält Anna Reiter nichts, denn, Zitat Anfang, der Dude hat seine Frau verlassen, grad als sie ihr Kind bekommen hat, um die Erlösung zu suchen. Aus dieser Motivation heraus ist der Buddhismus entstanden. Anna Reiter hält es daher für ratsam alle geistigen Theorien auf die Frage zu prüfen: und wenn du Kinder hast? Das nimmt dem ganzen Shit meistens den Wind aus den Segeln, Zitat Ende. Internet-Suchmaschinen jedenfalls lassen auch schwangere Frauen nicht alleine, Jesus adoptiert die Kuckuckskegel und Bakeneko tötet Embryonen. Summa Summarum: Gott, Garfield und Google sind gleichwertige Entitäten. 

In dieser Gleichwertigkeit begegnet einem auch Anna Reiters Kunst. Die Malerei ist ja, das muss man wissen, vor einigen Jahren gestorben und vor wenigen wieder auferstanden. Weniger bekannt ist, dass sie dabei nun von Bakeneko gesteuert wird und Bakeneko verabscheut hierarchische Epochalisierung und historische Verwünschungen, sondern verwebt die Stile und Sujets zu einer einzigen Legende, vermählt Völker und Zeiten, fusioniert luxuriöse, hieratische und profane Allegorien, lässt sich aber anstacheln durch die unruhigen Deutlichkeiten einer zeitgenössischen Nervosität, ist schmerzlich besessen von den Symbolen der Verruchtheit und der übermenschlichen Liebe, wie der göttlichen Schändung zögerlicher Hingabe und ernster Hoffnung. Sich aus diesen entsetzlichen Phantasien der Gespensterkatze windend und sich wieder in sie hinein versenkend streicht Anna Reiter dann etwa Theotokopolus, dem El Greco den Christus und stiehlt die seltsamen, wachsigen Farbtöne, die übertriebenen Verrenkungen, die mit verstörter Energie wild bemalten Radiputzen. Mit dem sardonischen Stumpfsinn und der kindlichen Kokettiere Kippenbergers in seinen akrobatischen Albernheiten aufgetakelt, gekleidet in der ausschweifenden Komposition eines frühen Tintoretto, dem und seinen Malbrüdern sie auch das Genre, ob Herrschaftsportrait oder Vespernbild entmimt, geschminkt jedoch in den gärenden Visionen Francis Bacons, heben sich die malerischen Moden gegenseitig auf und das ist epochal. 

Die düster-fantastischen und rasenden Schauspiele menschlicher Erregungs- und Verdrängungskurzschlüsse der Outsiderkunst, getränkt von Füsslis Fieberträumen, umwinkelt Anna Reiter in Warhol’scher Wollust mit plakativem Krepp, wobei aber der Pop immer, wie bei Odilon Redon, ein Menschenantlitz beherbergt, wenn in den Wolken und Herzen etwa rachsüchtige oder tröstende Augenlider blinzeln. So gebären sich aus den Symbolen selbst Lebewesen, mit eigenen, grell schimmernden Gedanken und tief schürfenden Gefühlen. Von Komposition und Symbolik zum Duktus: Die kräuselnden, salzgepuderten Algen präraffaelitischer Katarakten teilen sich japonistische Konturen, und falten sich zu einem figurativen Gewirr alraunwurzelnder Unförmigkeit Van Gogh’scher Glieder. Die impressionistische Lumineszenz gleichsam der expressionistischen Kontrastierung tritt allerdings zurück, und zwar hinter die hoch empfindsamen Körpersprache der Figuren untereinander, aber auch zu abwesenden Figuren, und schließlich zu den anwesenden Betrachtenden, was hier an Maria Lassnig erinnert. Diese Relationen, die Beziehungen der Figuren, die doch durch ihre farbfeldmalerischen Flächigkeit trotz Körnung immer Schatten ihrer selbst bleiben, halte ich für die zentrale malerischer Errungenschaft Anna Reiters, die in der Kunstgeschichte in dieser subtilen Intensität kein Vorbild kennt, aber selbst zu stundenlangen feenhaften Reflexionen einlädt. Das gestisch-gewaltige Gefühlsgewirr in seiner farbenfroher Flächigkeit und zwischen der krakeelig-kombinativen Konturierung macht nämlich mehr Dimensionen sichtbar als die bekannten vier, obwohl doch Anna Reiter ihre Bilder in demonstrativer Deutlichkeit auf zwei Dimensionen herunterbricht.

Die String-Theorie behauptet: Wir leben in 11 Dimensionen. Mit kriegen wir davon aber nur vier. Höhe, Breite, Tiefe, Zeit. Die Figuren in Reiters Gemälden sind in zwei Dimensionen gedrückt, hinzu kommt die Begrenzung des Papiers. Und trotzdem scheinen Zeit und Raum durch die Fläche hindurch. 

Die Zeit wird – gegen den Trend – nicht durch narrative, comiceske Konstellationen bloß illustriert. Viel mehr grenzt sich Anna Reiter, die auch Gedichte schreibt, von literarischen Verfahren eindeutig hab. Sie inszeniert eigentümliche Legenden in einem einzigen Moment, der nicht gegenwärtig ist, sondern in dem Vergangenheit und Zukunft zusammenfließen. In der Gleichzeitigkeit der Figuren, Gesten und vor allem ihrer Empfindungen, in der Verknotung und der Verwirbelungen jener, lesen sich Annas Bilder wie ein Buch, aber ein Buch, das nur aus einem einzigen Satz besteht und trotzdem in Gänze offenbar wird. Durch den streng relationalen Bildaufbau und die farbenfrohe Tränkung in überwältigendem Gefühl und einnehmender Sinnlichkeit offenbart sich eine Geschichte und macht damit trotz Gleichzeitigkeit der Bildinhalte den Zeitlauf sichtbar. 

Der Raum hingegen wird nicht illusioniert. Was bei Anna Reiter besonders Eindruck macht, sind die stark gemalten, eindeutig ambivalenten Relationen, in den Figuren zueinander stehen, die unglaublich sinnlichen Empfindungen, die sich wie Puzzleteile aneinander fügen. Man erkennt durch die Empfindungen, wie die Figuren miteinander verbunden sind. Und das bezieht sich nicht nur auf die Figuren im Bild, sondern manchmal scheint es, als ginge es auch um eine Person, die im Bildraum abwesend ist. Entweder gar nicht da und vermisst, oder sie steht imaginiert vor dem Bild oder das Bild baut zusammen mit einem selbst, den es anspricht, einen imaginierten Raum auf. So baut das zweidimensionale Bild einen Raum auf, aus Figuren, die im Bilde sind, und welchen, die nicht im Bilde sind: Das Gemälde erschließt sich den Raum, der vor einem steht. Mehr Dimensionen lassen sich aus einer Fläche nicht herausholen, vor allem nicht einer Fläche, die Raum oder Zeit nicht illusionieren will, sondern deren Flächigkeit demonstrativ bewahrt und gestärkt wird. 

Die Welt ist eine Zitrone und Kunst ihr ausgepresster Saft, sagte Jakob Burkhard 1889 und fragte prophetisch schon damals: Warum konnte Anna Reiters Kunst nur hier und jetzt entstanden sein? Was sagt sie aus über unsere Befindlich- Zeitlich- und Örtlichkeiten? Wohin weist sie? Wir leben in einer Perfi-Perfect World, also an einem Ort, der uns schon durch seine Phonetik in zuckersüßes Staunen versetzt. Sie haben es vielleicht mitgekriegt: Mit der Globalisierung und dem Internet, dem größten Archiv das jemals entstanden ist, sind Zeiten und Orte zusammengerückt und auf dem Smartphone macht es keinen Unterschied mehr, ob man mit jemandem in Buxtehude oder Bangcock chattet. Aber: Der Eindruck bleibt zwei-dimensional. Und sind wir ehrlich: Keine Kunst- oder Kulturkritik darf ohne den Hinweis auskommen, dass die Welt immer oberflächlicher wird. Nur diesmal ist es empirisch beweisbar. Sie, werte Fleischeswesen, sind der Beweis, wenn Sie sich zuhause dieses Video angucken, auf Ihrem Bildschirm, statt die Kunst in voller Dimensionalität und Größe im Museum zu erleben. Anna Reiter hält der Oberflächlichkeit unserer Welt den Spiegel vor. Die Verdrängungen und Übertragungen unserer Zeit kämpfen sich ans Licht. Ihre Majestizität und ihr Stolz jedoch kennt keine Tiefe, ist nur Oberfläche und Farce, fixiert aber die Liebe, die widerständig hervorquellt, die frostigen Ängste und das schäumende Glück und die kochende Wut, die zärtliche Sinnlichkeit und das Isvinjetrr, das Gefühl einer abgestanden Cola. All diese Lebenselixiere kämpfen sich durch die zwei Dimensionen, die harten Grenzen der Malerei. Und auch, wenn unsere Welt so zweidimensional geworden ist, weil es einfacher ist mit nur zwei Dimensionen zu planen und zu denken, so müssen wir immer kämpfen für die anderen neun Dimensionen. Wir müssen kämpfen für die Anerkennung unserer Gefühle und ihr Ausleben in einer rationalisierten, autistischen Welt, wir müssen die Trommeln schlagen für andere Menschen und selbst Gegenstände, nichts unversucht lassen, wenn unsere Beziehungen zu ihnen und Beziehungen anderer untereinander halten und sich neue knüpfen sollen. Relationen und Emotionen sind der Sinn des Lebens, auch in einer oberflächlichen Welt. Und wenn sie nächste Woche mit ihren ArbeitskollegInnen zoomen, wissen Sie, was Bakeneko meint.«