Rüsselsheimer Echo, 1. September 2020: Brücks Objekte erzählen Geschichte. Ausstellung in der Schleuse beschäftigt sich mit Grenzpfosten

Von Maraike Stich – Die Installationen von Max Brück wirken ganz klar und strukturiert. Auch seine Arbeit “Grenzpfosten”, die noch bis zum 20. September in der Schleuse der Opelvillen zu sehen ist, macht da keine Ausnahme. Sie strahlt auf den ersten Blick eher Technik und Hnadwerk aus, als künstlerisches Flair. Doch dann beginnt man sich zu fragen, warum ist da jetzt dieser Betonpfosten, so gänzlich seiner Funktion beraubt, als Einzelstück liegend auf einem Holzpodest befestigt.

Hinter ihm stehen – in exakt gleichem Abstand hintereinander aufgereiht, auf der steinernen Sitzbank in der Mitte des Raumes – mehrere Schaumstoff-Objekte. Sie sind von genau gleicher Form wie der Betonpfosten. Ganz anders als der aber haben seine Kopien durch das weiche Material und die reinweiße Farbe etwas ganz Leichtes, Spielerisches. Ein wenig erinnern sie an einen antiken Säulengang, aber auch an Palmen. Durch die ganz unterschiedlichen Neigungen jeder einzelner dieser Säulen durchbrechen sie die strenge Anordnung.

“Ich musste natürlich auf den Zug aufspringen und mir die Trennung des Raumes zunutze machen”, erklärt der Künstler. Die Schleuse, der Verbindungsgang zwischen den beiden Opelvillen, ist ein langer, schmaler Raum, der durch die Sitzbank längs geteilt wird. Den Grenzpfosten habe er auf dem ehemaligen Gelände eines Depots der US-Armee entdeckt, in der Nähe seines Ateliers in Gießen. “Ich habe einen skulpturalen Charakter darin entdeckt.”

Zudem sei für ihn das verwitterte STück Beton ein geschichtsträchtiges Relikt. Es stehe für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und somit auch für die deutsche Teilung. Die Art, wie heute über das Ende dieser Teilung als reine Erfolgsgeschichte gesprochen werde, sei für ihn nicht angemessen. “Die Wiedervereinigung war keine gradlinige Sache”, ist Brück überzeugt.

Seine künstlerische Arbeit beginne häufig mit dem Entdecken eines Objektes, Gebäudes oder Ortes. Wenn der Moment des Sehens ein Gefühl auslöse, bekomme er das Bedürfnis, das Objekt seines Interesses zu sichern, berichtet er. So hat er schon ein Pförtnerhaus aus einer stillgelegten Fabrik an einem anderen Ort wieder aufgebaut oder die Gartenhütte seiner Großeltern. Oft erfahren die Objekte am neuen Standort eine Verwandlung oder Erzählung.

So wie hier die Schaumstoff-Pfosten. Diese ließen das steinerne Original – und damit auch das mit ihr verbundene Narrativ maskuliner und brachialer Aufrüstung – in den Hintergrund treten, erklärt Brück.

Im theoretischen Teil seiner Diplomarbeit an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach hat sich der 29-Jährige mit dem Thema “Selbstbau in der DDR” befasst. “Ich habe mich immer für den Osten interessiert”, sagt Brück, der selbst erst nach der Wiedervereinigung geboren ist. Dafür habe er auch viele Interviews mit früheren DDR-Bürgern geführt. Deren Erfindungsreichtum habe ihn fasziniert. Auch dass man Abfall als Sekundärrohstoffe bezeichnet und wiederverwendet habe und der florierende Tauschhandel habe sein Interesse geweckt.

Brück hat sich ganz der Kunst verschrieben und kann sich schon über so manche Erfolge freuen. Im Jahr 2020 hat er sowohl das einjährige Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds als auch den Förderpreis der Frankfurter Künstlerhilfe gewonnen. Auch eine zweimonatige künstlerische Residency in einem Grenzwachturm in Berlin hat er dieses Jahr bereits absolviert.