Rüsselsheimer Echo, 10. Oktober 2020: Mischung aus Furcht und Neugier. Gabriele Muschel berichtet von Erlebnissen auf Borneo

Von Susanne Rapp – Auf großes Interesse stieß das Künstlergespräch mit Gabriele Muschel am Donnerstagabend in den Opelvillen, für das sich deutlich mehr Besucher angemeldet hatten, als es die coronamäßige Bestuhlung zuließ, sodass einige Absagen erteilt werden mussten. Von Gabriele Muschel sind in der Ausstellung »Kunst für Tiere. Ein Perspektivwechsel für Menschen« drei riesige Graphitzeichnungen zu sehen, die Gesichter von Orang-Utans zeigen. Das Künstlergespräch war so arrangiert, dass die Künstlerin und Kuratorin Beate Kemfert vor den Zeichnungen saßen und die Besucher während des Gesprächs einen steten Blick auf die ausdrucksstarken Gesichter der Primaten hatten.

Schon oft sei sie verreist, um Impressionen für ihre Zeichnungen zu sammeln, berichtete die in Frankfurt lebende Künstlerin. Ausschlaggebend für eine Forschungsreise nach Borneo, wo es ein Zentrum für Orang-Utan-Forschung gibt, sei der Maria-Sibylla-Merian-Preis gewesen, den sie 1996 erhielt. Eine Mischung aus Furcht und Neugier sei es gewesen, die sie dazu veranlasste, die abenteuerliche Reise anzutreten. Versuche, Kontakt mit dem Zentrum aufzunehmen, blieben erfolglos. So traf sie die mutige Entscheidung, sich ein Ticket für zwei Monate zu kaufen und sich auf ins Ungewisse zu machen.

Durch die Kontaktaufnahme mit Ansässigen vor Ort gelang es ihr schließlich, das »Camp Leaky« zu erreichen. Doch die dort forschende Wissenschaftlerin war nicht anwesend, da sie auf einer Vortragsreihe in den USA war. Die einzige Frau im Camp, die Köchin, war nach einer traumatischen Attacke eines Orang-Utan-Männchens abgereist, so dass nur Dayaks, die ortsansässigen Wildhüter, da waren. Sie brachten Muschel in einer einfachen Holzhütte unter und nahmen sie täglich zu Fütterungen von ausgewilderten Baby-Orang-Utans mit.

Muschel, die zuvor viel Fachliteratur über Primaten gelesen hatte, berichtete den Besuchern, dass Babys eingefangen werden, nachdem ihre Mütter erschossen wurden, um diese zu verkaufen. 100 Dollar ist so ein Orang-Utan-Baby wert, was einem Dreimonatsgehalt, also sehr viel Geld, gleichkommt.

Normalerweise leben Orang-Utans in den Baumwipfeln. Doch zur täglichen Fütterung mit Bananen und einer Mischung aus Milch und Wasser kamen die Tiere zu einer Plattform im Dschungel. Die Futterrationen bei der Auswilderung sind sehr gering. Gerade so viel, dass die Affen nicht verhungern und lernen, sich selbst Nahrung zu suchen. Mit der Zeit seien die Babys zu ihr gekommen und zutraulich gewesen. Mit ein Grund für die schnelle Akzeptanz des »neuen« Menschen wird wohl ihr rotes Haar gewesen sein, das die gleiche Farbe wie das Fell der Orang-Utans hatte. In den vier Wochen, die sie dort verbrachte, sei ihr bewusst geworden, dass die Tiere sehr großes Einfühlungsvermögen besitzen.

Papier und Stift als Handwerkzeug waren bei der hohen Luftfeuchtigkeit von bis zu 99 Prozent unbrauchbar. Auch nahm Muschel keine teure Kamera mit, da sie befürchtete, auch sie würde die Wetterbedingungen nicht gut vertragen. Später habe sie dies jedoch bereut, da die Bilder der einfachen Kamera, die sie mitgenommen hatte, und die sie, zurück in ihrem Atelier, als Vorlagen für ihre Zeichnungen verwendete, keine gute Qualität hatten.

Faszinierend waren auch die Schilderungen von riesigen Krokodilen, denen sie begegnete. Vom Gift im Fluss, dem einzigen Wasserreservoir, das vom Quecksilber wegen der dort ansässigen Goldsucher verseucht war, und vom stetigen Rauch durch Brandrodungen in der Luft.

Ihre eigene Ausrüstung war sehr reduziert: ein Moskitonetz, ein Schlafsack, T-Shirts und Unterwäsche, stabile Stiefel und ein Hut gegen Schlangen, die sich von Bäumen fallen ließen. Ernährt habe sie sich in den vier Wochen von Keksen und mitgebrachtem Wasser. Täglich nur ein halber Liter, da es galt, mit den geringen Mengen zu haushalten.

»Mir lag daran zu zeigen, dass die Orang-Utans Individuen sind mit unterschiedlichem Charakter und Wesensart«, beschreibt die Künstlerin ihr Anliegen, das sie dazu veranlasste, die großen Porträts zu zeichnen. Wie viel Mensch und Menschenaffen miteinander gemeinsam haben, verdeutlichten ihre Schilderungen von einer Gruppe halbwüchsiger Orang-Utans, die während ihres Aufenthaltes auf ihre Hütte zustürmten, um diese kurz und klein zu schlagen, jedoch im letzten Moment verjagt werden konnten. Solche Menschen nennt man Krawallbrüder. Wie lautet die Bezeichnung bei Menschenaffen?