Rüsselsheimer Echo, 14. Juli 2020: Stabilität und Zugkräfte. Helena Walter arbeitet bei ihrem Projekt mit dem Werkstoff Latex

Von Susanne Rapp – Im Rahmen des Gartenkunst-Projektes »SCHLEUSE/LABOR ausgelagert« der Opelvillen, das jungen Künstlern die Möglichkeit gibt, eigene Werke zu präsentieren, stellte die Mainzer Kunststudentin Helena Walter am Sonntag ihr Projekt »See through« aus. Faszinierend an der Arbeit, für die sie 166 Glasbausteine, sieben Spanngurte und eine Latexplane verwendete, ist, dass sich der Aufbau durch die äußeren Einwirkungen von Sonne, Wärme und Wind kontinuierlich verändert.

Denn die Latexplane, die über die Glasbausteine gespannt ist, beginnt, sich zu zersetzen, reißt und zerfällt, so dass, was zuvor abgedeckt war, nun sichtbar wird. Im Grunde genommen sei der Titel »See through«ein Widerspruch, erklärt die 21-Jährige. Weder die Glasbausteine, noch die Latexplane seien durchsichtig. Doch dadurch, dass durch den Verfall des Latex etwas freigelegt werde, sei die Durchsicht (siehe Titel) wiederum möglich.

Walter studiert im vierten Semester mit dem Schwerpunkt Bildhauerei an der Kunsthochschule in Mainz. Ursprünglich stammt die heute in Mainz lebende junge Frau aus Heilbronn, wo sie das technische Gymnasium mit dem Schwerpunkt Design besuchte. Ihr sei schnell klar geworden, dass das stundenlange vor dem Computer sitzen und Auftragsarbeiten ihr nicht besonders liegen. Lieber wolle sie eigene Sachen machen.

Aus ihrer Schulzeit nahm sie jedoch ein Faible für Bauhausdesign mit, dessen Philosophie auf dem Prinzip »Form follows Function« beruht. »Alle Materialien, die ich verwende, ergeben Sinn«, sagt Walter, die nach Abschluss ihres Studiums als freie Künstlerin arbeiten möchte. Zunächst habe sie mit Plastik und Glas gearbeitet.

Dann entdeckte sie das Material Latex, das sich in flüssiger Form durch mehrere Schichten übereinander gestrichen zu einer Plane machen lässt, wie sie sie für ihr aktuelles Projekt verwendet hat. Latex sei ein spannendes Material, mit dem sie zunächst experimentierte, um die unterschiedlichen Eigenschaften kennenzulernen.

Stabilität und Zugkräfte gehören zu den Themen, mit denen sich die Kunststudentin befasst. Im vergangenen Jahr zeigte sie in der Kunsthalle in Mainz Latexbänder, die von Steinen gespannt oder gezogen wurden, bis das Material seine Spannung verliert und so die Zugkräfte der stabilen Steine nicht mehr wirksam sind.

Seit Donnerstag steht die Arbeit im Garten der Opelvillen, wo sie Wind und Wetter ausgesetzt ist. Walter beschreibt ihr Projekt so: »Das Hauptmaterial ist Latex, welches durch Sonneneinstrahlung beginnt, sich aufzulösen. Es verliert seine Elastizität und Stabilität und gibt nach und nach das untendrunter liegende Material frei. Das latex kann sich nicht gegen den ungewollten Eingriff wehren und genau so wenig kann ich in den Prozess eingreifen und im Endeffekt nur die Ausgangsform bestimmen.«

Die oberen Glasbausteine sind bereits freigelegt. Der Prozess der Auflösung und Instabilität wird sich noch bis zum 20. September fortsetzen. Denn dann endet das Sommerprojekt der Opelvillen und Walters Exponat wird seinen temporären Standort verlassen. Bis zum Ende des Projektes unter freiem Himmel werden noch weitere Nachwuchskünstler ihre Werke ausstellen. Am jeweiligen Tag sind sie ab 10 Uhr vor Ort und stellen sich Interessierten für ein Gespräch zur Verfügung.

Es sind am 26. Juli Viktor Krautwig (Offenbach), am 9. August Timon Sioulvegas (Offenbach), am 23. August Jeong Hoon Shin (Mainz) und am 20. September Sonia Knop (Frankfurt).