Rüsselsheimer Echo, 19. Februar 2021: Zwischen Krieg und Glamour. Die Opelvillen zeigen Fotografien von Lee Miller aus den Jahren 1940 bis 1946

Von Susanne Rapp – Mit der neuen Ausstellung in den Opelvillen ist für Kuratorin Beate Kemfert ein Traum in Erfüllung gegangen. Denn mit den Fotografien von Lee Miller sei es ihr gelungen, eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in die Ausstellungsräume zu holen. »Lee Miller. Hautnah. Fotografien von 1940 bis 1946« umfasst 130 Fotografien, die mit Aufnahmen, die während des Zweiten Weltkriegs entstanden, wichtige Zeitdokumente liefern. Die Ausstellung ist Teil der internationalen Triennale »RAY Fotografieprojekte Frankfurt a.M.«, die in diesem Jahr das Thema »Ideologien« hat. Die Leihgaben stammen aus den Lee Miller Archives, East Sussex, England.  Ein weiterer Schwerpunkt der Schau befasst sich mit der amerikanischen Künstlerin selbst und ihrer Tätigkeit als Modell, Fotografin und Surrealistin, Kriegsfotografin, Kriegsberichterstatterin und später Gourmetköchin. Miller war mit namenhaften Künstlern ihrer Zeit befreundet, zu denen Man Ray, Pablo Picasso oder auch Jean Cocteau gehörten.

Als Modell entdeckt wurde sie in New York durch einen Verkehrsunfall, bei dem der Vogue-Verleger Condé Nast sie rettete und sofort fasziniert von ihrer Schönheit war. Sie wurde zu einem der begehrtesten Fotomodelle in New York, wechselte 1929 hinter die Kamera und wählte den surrealistischen Künstler und Fotografen Man Ray als ihren Lehrer aus. 1934 heiratete sie einen ägyptischen Geschäftsmann und Ingenieur, mit dem sie nach Kairo ging. Ihren späteren Mann Roland Penrose lernte sie 1940 kennen und lebte mit ihm bei Kriegsausbruch in der Nähe von London. Sie widmete sich der Reportagefotografie und wurde als Fotografin für die Vogue engagiert. Zu ihren Aufgaben gehörte es, zu dokumentieren, wie sich Frau in den Kriegszeiten kleidet. Das war schlichte, pragmatische und robuste Kleidung. Für die Mode-Aufnahmen standen Mannequins von ihrer Kamera. Doch Miller verwendete zerbombte Häuser in London und ähnliche durch Kriegsschäden geschaffene Hintergründe, die den Aufnahmen eine ganz eigene Atmosphäre geben. Ab 1944 war sie als US-Kriegsberichterstatterin und -fotografin mit den alliierten Streitkräften unterwegs – teils mitten im Kriegsgeschehen – und begegnete idyllischen Augenblicken ebenso wie den Gräueln der Konzentrationslager und den feiernden Siegern. Die Ausstellung präsentiert Fotografien des zerstörten Frankfurts, die teilweise noch nie gezeigt wurden.

Eine der vielleicht wichtigsten Fotografien der Ausstellung stammt nicht von Miller, sondern zeigt sie in einer Badewanne sitzend, davor die schmutzigen Stiefel abgestellt und zu ihrer linken ein gerahmtes Hitler-porträt. Am 30.April, dem Todestag Hitlers, badete Miller in dessen Badewanne und dringt damit in den intimsten Raum des Feindes ein. Ihr Gesichtsausdruck, ihre ganze Körperhaltung auf diesem Bild beweist nicht nur, dass sie bereits eine Karriere als Modell hinter sich hat und weiß, wie man sich ausdrucksstark präsentiert. Dieses Foto sagt viel mehr. Kuratorin Kemfert drückt es mit den Worten aus: »Da inszeniert sich eine Siegerin«. Miller schaffte es in die eigentlich männlich besetzte Domäne, nämlich an vorderster Kriegsfront zu arbeiten und beeindruckende Arbeiten zu schaffen. 1944, nach der Befreiung von Paris, entstanden weitere eindrucksvolle Bilder. Eine junge Frau sitzt mit einem Drink in einem Café, dessen Fensterscheiben deutliche Einschusslöcher zeigen. Ein Symbol dafür, dass das Leben weitergehen muss. Die Schau, die offiziell bis zum 25. Juli in den Opelvillen ausgestellt ist, ist so konzipiert, dass in den Räumen des Erdgeschosses die Fotografien zu finden sind, die Millers Biografie, ihren Werdegang vom Modell zur Fotografin sowie ihren Aufenthalt in Deutschland und Frankfurt zeigen. Im ersten Stock sind ihre Kriegsfotografien zu finden.

Ergänzende Vitrinendokumente und Wandtexte informieren über die Ausstellungseinheiten und geschichtlichen Zusammenhänge. In einem kleinen Raum sind Aufnahmen zu finden, die bei der Befreiung von Konzentrationslagern entstanden. Ein Warnschild davor verhindert, dass ein Betrachter unvorbereitet mit diesen Aufnahmen konfrontiert wird. So faszinierend die Ausstellung ist: Derzeit muss sie geschlossen bleiben. Beate Kemfert hofft, dass eine Öffnung bald möglich ist. Gemäß den geltenden Vorschriften sind die Ausstellungsräume optimal vorbereitet. Pfeile auf dem Boden zeigen die Besichtigungsrichtung an, das Hygienekonzept steht, und eine Begrenzung der Besucherzahlen pro Quadratmeter wäre auch möglich. Für erwachsenes Publikum bleibt die Ausstellung geschlossen. Kindern und Jugendlichen soll jedoch in Pandemiezeiten und darüber hinaus uneingeschränkter Zugang zu Bildungsangeboten ermöglicht werden. So sind Sonderöffnungen für einzelne Gruppen von Kindertagesstätten, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen nach Voranmeldung möglich. Dies kann telefonisch unter (06142) 835907 oder per E-Mail an info@opelvillen.de geschehen.