Rüsselsheimer Echo, 26. August 2020: Objekte, die wie Möbel aussehen. Jeonghoon Shin stellt im Garten der Opelvillen aus

Von Maraike Stich – Freundlich solle seine Arbeit wirken, erklärt Jeonghoon Shin im Garten der Opelvillen. Er habe sich dafür entschieden, seine Objekte wie Möbel aussehen zu lassen, um sie so leichter zugänglich zu machen für die Betrachter. “Schön und praktisch”, hat der junge Künstler die Arbeit genannt. Das wirktein wenig wie eine ironische Reminiszenz an den Leitsatz der Bauhaus-Bewegung, nach dem die Form der Funktion folgen soll.

Vier organisch geformte Objekte hat der junge Mann zu einer Gruppe arrangiert. Eines davon gleicht einer Vase, in ihr sind grüne Zweige arrangiert. Die größte Skulptur hat kaum noch Ähnlichkeit mit einem Möbel. Die Zacken an der Oberseite lassen sie ein wenig wie einen Drachen wirken, ein kleines Becken im oberen Teil wirkt wie das Maul eines Tieres. Auch wenn Möbel Pate standen für die Arbeit – Design-Objekte möchte Shin nicht herstellen, sondern Skulpturen.

Der erste Schritt im Arbeitsprozess sei das Anfertigen von Ideen-Skizzen gewesen, berichtet er. Dann habe er die Grundformen aus Styropor geschnitzt, um sie als Nächstes mit einer dünnen Lage Ton zu verkleiden. Dass der gerissen sei, habe er nicht geplant. Die Krakelee-artige Optik habe ihm aber sehr gut gefallen.

Mit Krakelee bezeichnet man eine gerissene Lack- oder Farbschicht auf Bildern und Objekten. Während dieser Effekt oft einfach ein Zeichen unsachgemäßen Farb- oder Lackauftrags oder schlicht dem Alterungsprozess geschuldet ist, wird er aufgrund der interessanten Optik auch häufig, gerade bei Keramik, bewusst hergestellt.

Die Skulpturen sind alle grau angestrichen, Vertiefungen darin in einer dunkleren Schattierung. Eine Schicht Lack gibt ihnen eine glänzende Oberfläche. Die voluminösen, organischen Formen seien typisch für seine Arbeiten, erklärt der 22-Jährige. “Wenn ich sie eckig mache, fühlt sich das falsch an”, sagt er. Dabei strebe er weder eine typisch koreanische, noch eine typisch europäische Formensprache an, beides fließe ganz automatisch im Arbeitsprozess ein. Eher untypisch scheint die zurückhaltende Farbgebung zu sein. In einem Katalog mit BIldern seiner früheren Arbeiten dominieren leuchtende, bunte Farben.

Shin liegt die Bildhauerei im Blut. Zumindest kann man das vermuten, wenn man erfährt, dass seine Eltern, die in Korea leben, beide Bildhauer sind. Und auch sein Bruder in Korea studiert Bildhauerei. Dadurch habe er erfahren, dass ein Studium der Bildhauerei in Deutschland etwas ganz anderes sei als in seinem Herkunftsland. Während der Bruder sehr viel Theorie und Technik vermittelt bekomme, könne er viel freier arbeiten. “Ich kann mich hier viel mehr auf meine eigene Arbeitsweise konzentrieren, das ist viel besser”, sagt er.

Er habe nach dem Abitur spontan beschlossen, nach Deutschland zu gehen. Er kenne viele Koreaner hier. Nach Deutschland zu gehen sei “irgendwie angesagt”. Nach zwei Jahren in Stuttgart lebt und studiert Shin mittlerweile in Mainz, wo er nun im dritten Semester die Bildhauereiklasse von Professorin Sabine Groß besucht. Die habe ihm kürzlich eine weitere Ausstellungsmöglichkeit im November in AUssicht gestellt. “Wenn das klappt, muss ich anfangen dafür zu arbeiten”, sagt er. Dann werde es um seine Skulptur “Redman” gehen. Die archaisch wirkende, androgyne Skulptur ist schon in mehreren Ausarbeitungen auf seiner Homepage shinjeonghoon.com zu sehen.