Rüsselsheimer Echo, 27. Juli 2020: Dem Intimen so nah. Lena Grewenig zeigt »Küsse, Risse, Bisse« in der Schleuse

Von Susanne Rapp – Die neue Ausstellung in der Schleuse der Opelvillen präsentiert sich mit ungewohnten und gleichsam neugierig machenden Farben. Beige- und Rosatöne. Fleisch? Nein, Haut. Lena Grewenig, die Malerei an der Frankfurter Städelschule studierte, arbeitet seit Mitte März mit einem Atelierstipendium in den Opelvillen. Dort entstanden die Gemälde, die sie nun unter dem Titel »Küsse, Risse, Bisse« bis 16. August in der Schleuse ausstellt.

Drei großformatige und fünf kleinformatige, eher einzelnen Studien ähnelnden Gemälde auf Leinwand und Baumwolle sind in dem schmalen Gang zu sehen. Sie zeigen Haut und nackte Körperteile in verschiedensten Perspektiven, bunt zusammengewürfelt oder einzeln, ohne das zu erwartende Umfeld. Eine Ohrmuschel so stark vergrößert, dass sie als solche nur gemeinsam mit den anderen Bildern erkannt werden kann.

Der Körperlichkeit in einer intimen und dennoch analytischen Art widmet sich Grewenig in den wenigen Gemälden. Die Enge des Flurs zwingt den Betrachter dazu, den intimen Darstellungen ganz nah zu kommen. Und durch die Nähe wird die Fantasie des Betrachters angeregt. Knie, Brust, Nase, werden zu Landschaften, Vertiefungen im Boden, zumal deren Anordnung auf der Leinwand nichts mit einer festgelegten Anatomie zu tun hat. Detailreich und schonungslos sind Falten, Sehnen, Hautunebenheiten gezeigt. Augen, die den Betrachter zurück anstarren. Ausdruckslos? Nein, eher neugierig.

Auch für die 1988 geborene Grewenig ist die Auseinandersetzung mit Körperlichkeit neu. Als sie ihr Stipendium Mitte März im Labor Opelvillen antrat, sahen ihre Pläne noch ganz anders aus. Sie habe einen Traum gehabt, in dem sie 50 kleine Bilder sah. Auf jedem der kleinen Bilder sei ein Körperteil gewesen. »Vielleicht war das eine Art Eingebung durch das Unterbewusstsein«, überlegt die Wahl-Frankfurterin.

Es gehe darum, sich darzustellen, Körperlichkeit und die Art und Weise, »wie man sich in die Welt hinausschreit«. Denn, so wird bei genauerer Betrachtung deutlich, die Vorlage für all die sichtbare nackte Haut ist die Künstlerin selbst. Die Darstellungen sind selbstanalytisch, niemals exhibitionistisch. Sich mit dem eigenen Körper zu konfrontieren schließt für sie ein, auch den Betrachter einzuladen, dasselbe zu tun.

So beschreibt sie ihre Arbeiten folgendermaßen: »Die einzelnen Körperteile werden zum Fetisch, gar zu Marke. Fuß, Hand, Mund, Auge etc. setzen sich durch ihre Fragmentierung in neue Bezüge und erhalten dadurch im Bewusstsein des Betrachtens eine andere, vielleicht höhere Realität, die erst durch das Bild entsteht, das über sich selbst hinausweist, zum Gedanken, zum Verhalten, zum Gefühl, zur realen Emotion wird. Die Verdinglichung des Körpers wird deutlich, das Objekthafte, das wie in Werbung und Pornografie zur Entfremdung, zur puren Zeichenhaftigkeit auf die zweidimensionale Fläche eines Displays gebannt wird.«

Die Gemälde entstanden überwiegend mit Öl auf Leinwand. Doch auch Naturmaterialien wie Pigment, aus verschiedenen Erd- und Steinsorten hergestellt, die sie auf Reisen gesammelt und verarbeitet hat, fließen in ihre Farbgebung mit ein.

Die Zeit im »Labor« der Opelvillen ermöglichte Grewenig, die ein eigenes Atelier in der »Basis« in Frankfurt hat, sich ganz auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Aufstehen, joggen, Frühstück und dann ab 10 Uhr im Atelier arbeiten. Das könne man sich nur leisten, wenn man von seiner Kunst leben kann. Sie plant, das Thema Körperlichkeit weiter zu verfolgen. Werke von ihr waren bereits in mehreren Ausstellungen in Frankfurt sowie auf Mallorca zu sehen. Die Ausstellung »Küsse, Risse, Bisse« kann noch bis zum 16. August jeweils an den Wochenenden besichtigt werden.