Rüsselsheimer Echo, 28. Juli 2020: Nostalgie am Computer modelliert. Viktor Krautwig zeigt »Odradek« im Garten der Opelvillen

Von Susanne Rapp – Wieder war das Werk eines jungen Künstlers im Kunstprojekt »Schleuse/Labor ausgelagert« im Garten der Opelvillen zu sehen. Der Kunststudent Viktor Krautwig stellte sein Objekt »Odradek« aus, das er nach dem Protagonisten des Prosatextes »Die Sorge des Hausvaters« von Franz Kafka benannt hat.

Schon das Material »OSB« – der Künstler erläuterte die Abkürzung mit »oriented structural board« –, eine Art Pressspan, mutet durch seine Optiok interessant an. Die Grundformen erinnern an einen Hubwagen, wie er für den Transport schwerer Materialien verwendet wird. Doch der Griff, mit dem die beiden Schienen durch Auf- und Abbewegungen in der Höhe verstellt werden können, liegt unter diesen, so dass sie fast organisch wirkend, an dieser Stelle verformt sind. Ganz so, als bestünden sie aus weichem Material, das nachgibt.

Mit Hilfe des skurril aussehenden Transportmittels nähert sich der Künstler, der an der Hochschule für Gestaltung Offenbach Bildhauerei studiert, dem Thema Nostalgie. Nostalgie verkörpert für ihn in Form von sonntäglichen Spaziergängen durch leere Industriegebiete oder Science-Fiction-Literatur à la George Orwells »1984«. »Eine Nostalgie, die unabhängig von Epoche oder zeitlicher Blickrichtung ist. Nostalgie als Raum der Ideale und narrativen Einfachheit«.

Dabei betrachtet er die schmale Grenze zwischen Ideal und Ideologie, zwischen narrativer Einfachheit und barbarischer Homogenisierung. Distanz schafft er duch »cartoonesken Slapstick«, wie er aus alten Cartoons der 20er Jahre bekannt ist. »Jener naiv-brutale Gestus, in dem sich Mickey mit seiner Umwelt austauscht, sehe ich als eine fatalistische Reaktion auf die brutalen Manifestationen der kapitalistischen Industrie jener Zeit.«

Die verbogenen Schienen des Hubwagens erinnern an verbogene Körper in den alten Cartoons, die schrecklich deformiert, nur wenige Sekunden später wieder ihre normale Form haben.

Die Entscheidung, einen Hubwagen als Basisform zu wählen, erklärt der 27-Jährige damit, dass dieses Werkzeug im Zeitalter der Computerisierung von Produktion, Lagerung, Transport und Handel bald obsolet, also nicht mehr gebraucht werden wird. Allein die Herstellung von »Odradek« unterstreicht den Fortschritt, der dazu veranlasst, einen nostalgischen Blick auf die Existenz eines Hubwagens zu werfen. Denn der im 12. Semester studierende Krautwig konstruierte und modellierte sein Werk am Computer, um es dann per 3D-Drucker realisieren zu lassen. Also per Mausklick an die computerisierte CNC-Fräse delegiert und so mit einer gewissen Distanz zur Realisierung, bei der die Arbeit selbst nicht mehr in seiner Hand lag. Auch das Material OSB wurde aus besonderem Grund gewählt. Der Künstler dazu: »OSB oder oriented structual board als industriell-karikative Holz-Imitation ähnelt dem Brät, zu dem Tiere geschreddert werden, um daraufhin in ihren eigenen Darm gepresst und konsumiert zu werden. Ein Prozess, der zwischen Brutalität und Komik oszilliert und somit den Slapstick der 20er Jahre treffend übersetzt.«

Der deformierte Hubwagen »Odradek« symbolisiert die Nostalgie zwischen cartooneskem Slapstick und Funktionsverweigerung. Denn deformiert wie er ist, fehlt ihm die Funktionsfähigkeit, die auch mit einer Verweigerung gleichgesetzt werden kann.

Der gebürtige Bremer Krautwig spricht von dem »Produkt einer transhumanistischen Kooperation zwischen digitaler Perfektion und organischer Trägheit«. Man könne dem Hubwagen praktisch beim Überflüssigwerden zusehen. Faszinierend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass ein werkähnliches Transportgerät, nämlich eine Sackkarre, benötigt wurde, um das Objekt selbst in den Garten der Opelvillen zu bringen. Dies kann schließlich auch als eine Form von gelebter Nostalgie eingestuft werden.