Rüsselsheimer Echo, 30. Juni 2020: Nichts ist, wie es scheint. Bildhauer Julian Ernst lotet die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aus

Von Maraike Stich – Sie sind schon von weitem zu sehen, zwei leuchtend orange, krakenartige Wesen, die im Garten hinter den Opelvillen unterwegs sind. Eines scheint gerade dem kleinen Wasserbecken zu entsteigen, das andere setzt dazu an, einen Baum zu besteigen.

„Ich arbeite mit der Umgebung und versuche, mit dem Raum zu kommunizieren“, erklärt Julian Ernst. Bei der Arbeit, die er heute der Öffentlichkeit präsentiert, habe er sich von Mythen und auch von Science-Fiction der 80er Jahre inspirieren lassen. „Vieles, was damals Science-Fiction war, ist heute Realität“, sagt der junge Mann.

Nichts ist, wie es scheint – und das ist Programm. Die Skulpturen, die von weitem wirken, als seien sie aus Metall gefertigt, bestehen aus Wellpappe. Der unauffällige zweite Teil der Installation – fünf Häufchen aus schwarzen Kugeln – besteht aus lackiertem Ton und imitiert so die Optik von Keramik.

Was viele auf den ersten Blick für die Ausscheidungen der Kraken halten, sind schwarze Augäpfel, inspiriert von „Eyes without a face“ der amerikanischen Künstlerin Liz Craft. Die Frage, was uns heute als Realität vermittelt wird, interessiere ihn. Man könne sich heute nicht mehr sicher sein, was der Wahrheit entspreche, findet der Kunststudent. Wie man Informationen aufnehme, in der Zeit des Informationsüberflusses und von Fake News, diese Thematik sei in den Zeiten von Corona noch aktueller.

Tatsächlich seien die heute gezeigten Objekte in der Corona-Zeit, als die Ateliers der Kunstakademie in Mainz geschlossen waren, im heimischen Keller entstanden, berichtet Ernst. Der Sohn eines Kunstlehrers ist schon in jungen Jahren mit Kunst in Berührung gekommen. Ihm sei schon früh klargeworden, dass er Künstler werden wolle, beteuert er. Ganz bescheiden räumt er ein, dass er noch auf der Suche nach seinem ganz persönlichen künstlerischen Stil sei. Deshalb habe er auch noch keinen Internetauftritt als Kunstschaffender.

Mit der Anordnung seiner Arbeit möchte Ernst ein Bild erschaffen, dem Betrachter die Möglichkeit geben, darin eine Erzählung zu erkennen. Welche Erzählung er selbst dabei im Sinn hatte, ob er überhaupt eine bestimmte im Sinn hatte, das möchte er ausdrücklich nicht verraten.

Die Idee, junge Künstler mit den Betrachtern ins Gespräch kommen zu lassen, geht auch heute wieder auf. Zwar sei der Vormittag recht ruhig gewesen, verrät Ernst, doch jetzt am Nachmittag wandeln mehrere Besucher durch den Garten. Viele wenden sich mit Fragen und Anmerkungen an den Künstler. Neben Ernsts Arbeit, die den Namen „Weltschmerz“ trägt, kann man auch noch einige der Arbeiten von den vergangenen Sonntagen betrachten. „Wir lassen es den Künstlern offen, ob sie an den folgenden Sonntagen wieder kommen“, erklärt Kelly Sue Roßmann, die die junge Kunst in den Opelvillen betreut. So entstehe ein Skulpturengarten, der immer weiter anwachse.