Rüsselsheimer Echo, 7. Oktober 2020: Wenn Arbeit zur zweiten Haut wird. Un-Zu Ha-Nul Lee stellt in der Schleuse aus

Von Maraike Stich – Wenn man sich der Schleuse nähert, ist ein akustischer Effekt der erste Hinweis auf die aktuelle Ausstellung »Sorry I’m late, I didn’t want to come« von Un-Zu Ha-Nul Lee. Die Geräuschkulisse eines Großraumbüros erzeugt eine Atmosphäre von Betriebsamkeit. Einen Kontrast dazu bieten die Skulpturen der Künstlerin. Von den aus Silikon gestalteten Arbeitsplätzen wurden die Menschen anscheinend ausradiert. Die Socken stehen vereinsamt in den Schuhen, die Jacke sitzt wie von Zauberhand über den Schreibtisch gebeugt, ihr Träger ist verschwunden.

Dafür erinnert das Material – rosa und cremeweißes Silikon – an menschliche Haut. Diese Verschmelzung von Mensch und Arbeitsplatz ist gewollt. Die Künstlerin hat sich mit dem Umbruch in der Arbeitswelt beschäftigt.

Zusätzliche Aktualität hat das Thema durch Corona bekommen. Arbeit im Homeoffice wurde zur Normalität. Während Bundesminister Hubertus Heil derzeit ein Recht auf Homeoffice durchsetzen möchte, sehen manche eine Gefahr in der verschwimmenden Grenze zwischen Arbeitswelt und Privatleben.

In der Eröffnungsrede beschäftigt sich Larissa Smurago mit dem Begriff KPI. Die Abkürzung steht für »Key Performance Indicator« und bezeichnet ein System, mit dem der Erfolg von Arbeit gemessen werden kann. Immer mehr gehe es in der Arbeitswelt um Effizienz. Bürokratie und administrative Prozesse nähmen einen größeren Raum ein.

Die »Disziplinierung als Instrument der Herrschenden« werde mehr und mehr durch Kontrolle abgelöst, postuliert Smurago. Die Rede findet wegen des großen Andrangs im Freien statt. Für eine Eröffnung in der Schleuse sind außergewöhnlich viele Besucher gekommen.

Die Besucher seien hauptsächlich MItstudenten von der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, erklärt die Künstlerin. Dort studiert die 28-Jährige seit 2015 freie Kunst. Zuvor hatte sie Modedesign an der Universität Pforzheim studiert. »Ich wollte freier arbeiten und mich nicht nur auf Mode konzentrieren«, begründet Lee den Wechsel. Dass es ihr beim zweiten Versuch gelungen sei, sich erfolgreich um den Ausstellungsort für den Nachwuchs in den Opelvillen zu bewerben, freue sie sehr. »Ich wollte unbedingt hier ausstellen«, beteuert die junge Frau.

An der Arbeitswelt habe sie ganz besonders der Optimierungswahn der Menschen interessiert, »das gibt es in der Tierwelt nicht, das ist etwas zutiefst Menschliches«. Deshalb habe sie sich zuvor auch mit dem Phänomen Bodybuilding beschäftigt. Was es bedeute, für seinen Arbeitgeber über das Handy immer verfügbar zu sein, habe sie in ihrem Nebenjob am eigenen Leib erfahren.