Rüsselsheimer Echo, 8. September 2020: Ein kleines Stück Kindheit. Städelschülerin Anita Esfandiari zeigt ihre Arbeit im Garten

Von Susanne Rapp – Ideen, aus denen letztlich Kunst wird, melden sich oft an seltsamen Orten und zu ebenso seltsamen Zeiten. Anita Esfandiari, Bachelorabsolventin im Fach Malerei an der Frankfurter Städelschule, startete mit kleinen Skizzen von geschwungenen Linien mit ganz unterschiedlicher Beschaffenheit. Und das, während sie vor dem Computer die Onlineseminare der Städelschule besuchte.

Das Zeichnen, so die junge Künstlerin, helfe ihr dabei, sich zu konzentrieren. Basis ihrer ersten Entwürfe war Millimeterpapier. Darauf zeichnete sie Teile eines großen schlangenähnlichen Gebildes, dessen Mäander zusammengesetzt einer Abfolge von Flussschlingen ähnelt, wie sie von oben betrachtet in einer Landschaft sichtbar werden.

Eine Art Vorlage, die als Basis des Kunstwerkes diente, war bei der Ausstellung „Schleuse/Labor ausgelagert“ vergangenen Sonntag im Garten der Opelvillen an einem der Büsche befestigt. Türkis- und rosafarbene Notizzettel, akribisch neben- und übereinandergelegt, bilden diese seltsam anmutende Flusslandschaft, die für die in Teheran geborene Künstlerin eine ganz besondere Bedeutung hat. Anita Esfandiari sieht den so entstandenen Fluss als eine Art Gedanken-Karte, auf der verschiedene Dinge zusammengeführt sind. Erst im Nachhinein, nach der Fertigstellung könne man sehen, was sich daraus entwickelt hat.

Die Umrisse der Linien symbolisieren Erfahrungen, die sie in ihrem Leben gemacht hat. Wege, die sie beging, manchmal leicht, manchmal schwer, Wegkreuzungen, bei denen es galt, eine Entscheidung zu treffen. Die Erfahrung zu sammeln, welcher Weg der richtige und welcher vielleicht viel zu lang und kompliziert war, da es einen kürzeren, vielleicht wenig schmerzvolleren gegeben hätte. Jede einzelne Mäander verkörpert einen Lernprozess, eine Erfahrung, die sie in ihrem Leben zu dem machte, was sie heute ist. Deutlich erkennbar ist, dass es kein Weg war, der zielstrebig immer nur in eine Richtung ging. Niemals einfach nur geradeaus.

Als Kind besaß Anita Esfandiari ein kleines Spielhaus, das sie sehr liebte und überall mit hinnahm, um an verschiedenen Orten darin zu spielen. Das frühere Spielzeug, ein „Playhouse“, übernahm sie für ihre Installation, die am Sonntag im Garten der Opelvillen aufgestellt war.

Grazil sind die dünnen hölzernen Gestänge, die das Grundgerüst des kleinen Hauses bilden. Darüber gespannt, ein wenig wie bei einem Zelt, befinden sich aus Leinwandmaterial genähte Stoffbahnen, die jedoch nicht die gesamte Hausform abdecken. Es gibt einen Ein- und Ausgang. Oder sind die Öffnungen nur ein Durchgang, der ein Verweilen im Playhouse nicht zulässt? Die offene Gestaltung, so die Künstlerin, ermöglicht es, das Innen und Außen gleichzeitig betrachten zu können. Die zusammengenähten Leinwandstücke zeigen all jene Mäander, die Anita Esfandiari zuvor auf ihren Skizzen entwickelt hatte. Die Wände ​und Teile des Dachs zeigen symbolisch das Gelernte und die getroffenen Entscheidungen, die das einstige Kinderspielzeug nun bedecken. Ihrem Bachelorabschluss hat die Studentin ein Studium der Fächer Video und Skulptur angeschlossen.

Am 20. September wird von 10 bis 18 Uhr eine weitere Städelschülerin, Sonia Knop, ein Kunstwerk in der Reihe „Schleuse/Labor ausgelagert“ zeigen. Mit dieser Veranstaltung endet die Reihe in diesem Jahr. ​